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Neugestaltung der Paulskirche : Das Ringen um Freiheit zeigen

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Fehlt es ihr an Aura? Die Diskussion um die Neugestaltung der Paulskirche nimmt Fahrt auf. Bild: Marcus Kaufhold

Im Schatten der Paulskirche: Warum wir eine Bundesstiftung „Orte der deutschen Demokratiegeschichte“ mit Sitz in Frankfurt am Main brauchen.

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          Als Resonanzraum kritischer Reflexion und gesellschaftlicher Debatten zieht sie einmal im Jahr international Aufmerksamkeit auf sich, wenn zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen wird: Die Frankfurter Paulskirche, in der sich am 18. Mai 1848 die Mitglieder des ersten gesamtdeutschen Parlaments zur Beratung über eine freiheitliche Verfassung mit Grundrechten und über die Bildung eines deutschen Nationalstaats versammelten, ist heute als Ort demokratischer Debattenkultur präsenter im öffentlichen Bewusstsein denn als Ort der Demokratiegeschichte. Das ist freilich nicht allein den großen Namen der Friedenspreisträgerinnen und Friedenspreisträger geschuldet. Die Gestaltung der Paulskirche sei „ein erinnerungspolitisches Desaster“, konstatierten der Historiker Herfried Münkler, der Präsident der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Hans Walter Hütter, und der Direktor des Deutschen Architekturmuseums, Peter Cachola Schmal (F.A.Z. vom 26. Oktober). Als Gedenkort verfüge sie weder über ästhetische Evidenz noch über eine Aura, die den Besucher mitnimmt in die Vergangenheit dieses Ortes.

          Ihrem Plädoyer, im Zuge der anstehenden Renovierung etwas von der Aura des Gründungsaktes der deutschen Demokratie in das Gebäude zurückzuholen, widersprach der Architekturhistoriker Wolfgang Pehnt (F.A.Z. vom 9. November). Der nüchterne, ja spartanische Charakter der Paulskirche in der architektonischen Gestaltung der Nachkriegszeit, der bei der Einweihung der Kirche 1948 nach ihrem Wiederaufbau als sichtbares Zeichen des tiefen Bruchs in der deutschen Geschichte empfunden wurde, sei auch heute elementar für ihre Wirkung als Gedenkstätte. Pehnt will sie als „Spiegelbild eines neuen, zweiten Aufbruchs in eine gelebte Demokratie“ verstanden wissen.

          Spiegelbild gelebter deutscher Demokratie ist die Paulskirche jedenfalls insofern, als sich in ihrem Schattendasein als Erinnerungsort ein eingespieltes erinnerungskulturelles Muster zeigt: das Unvermögen nämlich, freudigen und hoffnungsvollen, im positiven Sinne prägenden historischen Ereignissen in Deutschland ein Denkmal zu setzen. Glücklich, ja vielleicht sogar stolz und selbstbewusst zurückzuschauen auf die eigene Freiheits- und Demokratiegeschichte – das fällt uns angesichts der Brüche und Abgründe in unserer Geschichte offenbar schwer.

          Die Gefühle der Ohnmacht überwinden

          Unbestritten mahnt die leidvolle Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts uns Deutsche zu erinnerungskultureller Bescheidenheit. Und doch: Gerade weil unsere Demokratie auf den Trümmern der nationalsozialistischen Diktatur aufgebaut wurde, gerade weil wir aus dem Gedenken an den Holocaust und an die Opfer totalitärer Diktaturen Lehren für die Zukunft ziehen wollen, sollten wir Orte der deutschen Demokratiegeschichte stärker sichtbar machen. Denn national bedeutsame Ereignisse wie die Geburtsstunde der parlamentarischen Demokratie zu veranschaulichen und zu vergegenwärtigen, fördert die kritische Auseinandersetzung mit den Grundlagen des Zusammenlebens in einer freiheitlichen Gesellschaft und stärkt die emotionale Verbundenheit und damit auch die Identifikation mit unserer Demokratie.

          Wie sich aus der europäischen Geschichte lernen lässt, zeigt der amerikanische Historiker Timothy Snyder in seinem lesenswerten Büchlein „Über Tyrannei“ in zwanzig pointiert formulierten „Lektionen für den Widerstand“ gegen Demagogen und Autokraten. „Die Geschichte ermöglicht es uns, Muster zu erkennen und Urteile zu fällen ... Wenn man einen Moment versteht, so erkennt man die Möglichkeit, Mitschöpfer eines anderen Moments zu sein. Geschichte erlaubt uns, verantwortlich zu sein: nicht für alles, aber für etwas ... Geschichte verschafft uns die Gesellschaft derer, die mehr als wir getan und erlitten haben.“

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