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„Premium Mediocre“ : Auf in eine mittelmäßig gute Zukunft

It’s economy, stupid! Venkatesh Rao hat nicht nur ein Talent, neue Begriffe zu erfinden, sondern auch eine Vorliebe für Welterklärungsmodelle. Bild: Illustration Grace Witherell / Ribbonfarm

Was bedeutet „Premium Mediocre“? Und wer ist die Kryptobourgeoisie? Der Blogger Venkatesh Rao gilt in Amerika als Denker der Stunde – und als Erfinder eines neuen Modewortes.

          Jeder kennt „Premium Mediocre“. Jeder hat das Phänomen schon einmal erlebt – nur hat es bisher niemand so genannt. Es musste erst Venkatesh Rao kommen, damit das Phänomen wie eine Leuchtkugel, die jemand in die Luft feuert, sichtbar wurde. Jetzt geistert das Wort durch Internetforen und geisteswissenschaftliche Kongresse, und wieder einmal war es der 1974 geborene indisch-amerikanische Raketentechniker und Blogger, der der Soziologie einen neuen Begriff beschert hat. „Premium Mediocre“ – was am ehesten mit „Premium-Mittelmäßigkeit“ zu übersetzen wäre – beschreibt ein Phänomen, das unter anderem mit der Einführung der Premium Economy-Klasse im Flugzeug sichtbar wurde: Nachdem die Sitze der Economy-Klasse aus Effizienzgründen so eng gestellt werden, dass kaum man einen Flug ohne Wadenkrampf überlebt, wird die früher selbstverständliche Beinfreiheit als Premium-Produkt verkauft. Gleichzeitig ist „Premium Economy“ein Trostpreis für abstiegsangstgeplagte leitende Angestellte: Man ist jetzt Economy, aber dort immerhin ganz vorn.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Begriff funktioniert wie ein Code, mit dem man große Teile der aktuellen Formproduktion entschlüsseln kann. Premium-Mittelmaß ist der A-Klasse-Mercedes, der nicht besser als ein Golf ist, nur teurer, dafür aber denen, die nie einen großen Benz fahren werden, Teilhabe am Reich der „Premium-Marken“ verspricht. Premium-Mittelmaß ist Easyjets „Speedy Boarding“: Man muss zum Billigterminal, darf dort aber vorbei an den wartenden Massen als Erster Richtung Flugzeug marschieren. Premium-Mittelmaß ist der Blumenkübel von „Manufactum“: Man hat kein Landhaus, aber einen sündhaft teuren, handgeformten Topf, der davor passen würde, wenn man eins hätte. Unter die Definition von Premium-Mittelmaß fällt auch Trüffel-Öl, dessen Name an die Verwendung edler Pilze und raffinierten Gourmet-Lifestyle denken lässt, während in Wirklichkeit bei der Herstellung etlicher Trüffel-Öle „keinem echten Trüffel etwas zuleide getan wird“, wie Rao schreibt: „Premium Mediocre ist alles, was nur gerade so viel premium in sich trägt, dass die wesenseigene Mittelmäßigkeit des Produkts nicht ruiniert wird.“

          Traditionelle Kulturkritiker würden sagen: In einer Gesellschaft, die der großen Masse ihrer Mitglieder wirkliche Aufstiegschancen immer mehr verbaut, die Vermögen immer ungleicher verteilt und ein immer größeres Prekariat produziert, erfüllt „Premium Mediocre“ ästhetisch, was politisch und ökonomisch nicht mehr erfüllt werden kann. Mit dem Preisaufschlag für eine Dosis Premium wird die Illusion erkauft, einmal zu den Eliten aufschließen oder „es besser haben“ zu können, was den ökonomischen Tatsachen widerspricht: Die „Millennials“, die Kinder der Babyboomer, können sich, anders als Letztere, wegen der immer unsichereren Anstellungsverhältnisse kein Auto und keine Vermögensbildung durch Immobilienerwerb mehr leisten. Stattdessen werden sie mit Bruchstücken dieser Aufstiegsversprechen ruhiggestellt: Man fährt, bei Bedarf, einen schnellen Carsharing-BMW und wohnt ein paar Tage in einem über Airbnb angemieteten alten Palazzo.

          Blogger der Stunde: Venkatesh Rao, geboren 1974.

          Die ganze Sharing-Kultur ist so gesehen „Premium Mediocre“ in Reinkultur: Es wird als unnötig und nicht begehrenswert verkauft, was ökonomisch auch nicht mehr drin ist. „Junge Menschen“, heißt es, „brauchen das Auto nicht mehr als Statussymbol“. Außerhalb der Städte brauchen sie es aber schon noch, um überhaupt zu ihrer schlecht bezahlten Lehrstelle zu kommen. Diese Realität wird durch das toxische ideologisch-ästhetische Gebräu aus Moral („brauchen kein Statussymbol mehr“), Ökologie und Effizienzsteigerung („zu viele Autos stehen ungenutzt herum“) aus dem Blickfeld gespült.

          „Premium Mediocre“ ist nicht die einzige Wortneuschöpfung von Venkatesh Rao. Man muss fast bis zu Marx zurückgehen, um jemanden zu finden, der derartig obsessiv neue Begriffe erfindet, um neue sozio-ökonomische Realitäten sichtbar zu machen. Wenn man jüngere Kuratoren oder Soziologen fragt, wer den soziologischen Diskurs in Amerika zurzeit prägt, fällt immer wieder sein Name. Rao prägte auch den Begriff der „Kryptobourgeoisie“, was einerseits eine neue bürgerliche Klasse meint, die Rituale des klassischen Bürgertums nicht beherrscht oder nicht beherrschen will – und andererseits, als ökonomische Kategorie, auf die Herkunft enormer Vermögen aus Kryptowährungen wie Bitcoin verweist. Rao ist der Erste, der auf ein neues Milieu aufmerksam macht, das früh in Bitcoins investierte, aber damit keine Gewinnhoffnungen verband, sondern entweder den gegen die von Staaten emittierten Währungen gerichteten, sozialutopischen Anarcho-Charakter des Bitcoins mochte – oder ihn für Transaktionen im Darknet brauchte.

          Durch den sagenhaften Aufstieg der Kryptowährung wurden so Verbrecher, Nerds und linksalternative Utopisten, denen es nie um Kapitalakkumulation ging, zu Millionären und bilden nun eine von sich selbst überraschte „Kryptobourgeoisie“, während traditionelle Banker und der hart arbeitende Mittelstand durch den Crash von 2008 in eine Abwärtsspirale gerieten, auf der sie und ihre Nachkommen sich allenfalls noch mit „Premium Medicore“-Produkten einreden können, es gehe wieder bergauf: „Ich bin noch kein Millionär, aber auch noch kein Typ, der sich als Uber-Chauffeur über Wasser halten muss“, beschreibt Rao die Gefühlslage des schlingernden Premium-Mittelstands.

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          Man muss gar nicht so weit gehen, Venkatesh Rao als eine Mischung aus Roland Barthes und Susan Sontag zu feiern, um seine Bedeutung für ein zeitgenössisches Denken und eine neue Epistemologie deutlich zu machen – zumal sich Rao in Herkunft, Arbeitsweise und Form von Erkenntnisproduktion deutlich von diesen Referenzen unterscheidet. Venkatesh Rao wurde in Indien geboren und dort als Programmierer ausgebildet, ging nach Michigan und promovierte dort als Luft- und Raumfahrttechniker mit einer Arbeit über „Team Formation and Breakup in Multiagent Systems“, in der es um Kontrolltheorien und den Einsatz Künstlicher Intelligenz ging. Danach arbeitete er als Berater und gründete 2007 seinen Blog „Ribbonfarm“, in dem er mit einem Team von Autoren die unterschiedlichsten Gegenwarts- und Welterklärungsmodelle veröffentlicht; allein im vergangenen Jahr wurden 62 Texte publiziert.

          Berühmt wurde Rao mit einer Analyse der Fernsehserie „The Office“, aus der er ein Modell zur Erklärung der Funktionsweisen aktueller Institutionen ableitete. Kern des Modells ist eine hierarchische Pyramide. Ganz unten sind die „Loser“, die es aufgegeben haben, sich nach oben arbeiten zu können. An der Spitze sitzen die Soziopathen, die eine Vision haben, der sie alles andere unterordnen (Bau eines Elektroautos, das die Autoindustrie revolutioniert, Entwicklung eines Smartphones) – und die entweder „Big History“ machen oder gegen die Wand fahren. Dazwischen gibt es das mittlere Management, „The Clueless“, die immer noch an die Früchte von harter Arbeit, Loyalität, Nachhaltigkeit und verantwortlichen Risikoabwägungen glauben – und sich wundern, dass die Soziopathen nie sie, sondern immer nur soziopathisch veranlagte „Loser“ an die Spitze befördern, die dort sprunghaft und skrupellos zwischen phantastischen Gewinnmöglichkeiten und totalem Desaster hin- und herzappen. Man kann einiges damit erklären, sogar die Trump-Administration.

          „Ribbonfarm“ ist für Amerika das, was die „Edition Suhrkamp“-Bände hierzulande waren – mit dem Unterschied, dass die Theorieproduktion anders funktioniert. Rao hatte den Begriff „Premium Mediocre“ schon in einem frühen Stadium in den Blogger-Orbit geschossen und Definitionsvorschläge aus Indien, China und Afrika erhalten, die er in seinen Text integriert; die Kritik wurde eingebunden, bevor der Begriff zur Theorie aushärtete. Darin deutet sich auch eine andere Arbeitsweise an, ein etwas öffentlicherer Denkakt, der sich von der Diskussion neuer Thesen in akademischen Forschungskolloquien unterscheidet. Dass man Rao dort auch mit Skepsis begegnet, mag an dieser Form von Theorieproduktion einer Schwarmintelligenz liegen und andererseits an Raos Hang zu Gags – wenn er etwa ganz Frankreich als Epizentrum des „Premium Mediocre“ bezeichnet, im Gegensatz zur Schweiz als „dem wahrhaft elitären Land in Europa“, was bei Rao nicht nur ein Kompliment ist. Denn auf eine gewisse Weise mag Rao das „Premium Mediocre“ als dritte Gruppe zwischen essentialistisch-nostalgischen, nach Authentizität suchenden Hipstern und den Profiteuren des neuen „Gilded Age“ sehr: In einer für sein Denken typischen Volte sieht er im „Premium Mediocre“ nicht nur eine ästhetische Ruhigstellung von Menschen, die politische Forderungen nach Teilhabe stellen müssten. Wer „Premium Mediocre“ konsumiere, sei sich der Illusion, die er kauft, bewusst. Ein Grund, es trotzdem zu tun, sei der Wunsch der „Generation Z“, ihren Eltern Enttäuschungen zu ersparen – jener Babyboomer-Generation, die hart dafür arbeitete, dass es ihre Kinder besser haben werden. „Premium Mediocre“ tue so, als ob es nicht haltlos bergab gehe, sondern die beste aller Tech-Welten, der Moment, in dem das Geld aller sich vermehre und jeder einen Tesla fahre, noch denkbar sei. Was aber soll jenseits tröstender Bluffs für die Eltern positiv sein am „Premium Mediocre“?

          Zum Beispiel, schreibt Rao, die „Aura der Exklusivität, ohne tatsächlich exklusiv zu sein, ohne jemanden auszuschließen“. Ausgerechnet in den Fragwürdigkeiten des „Premium-Mittelmaßes“ lebe die Forderung nach dem guten Leben und Trüffeln für alle weiter. Und so könne „Premium Mediocre“ die letzte wirksame Waffe gegen die Aufspaltung der Gesellschaft in ein Megaprekariat und eine von Automatisierung und Robotisierung in ungekanntem Ausmaß profitierende Oberschicht sein, die, so Rao, nur noch zwei Gruppen kenne – „diejenigen, die den Robotern sagen, was sie tun sollen, und diejenigen, denen die Roboter sagen, was sie zu tun haben“.

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