https://www.faz.net/-gqz-959xl

„Premium Mediocre“ : Auf in eine mittelmäßig gute Zukunft

Berühmt wurde Rao mit einer Analyse der Fernsehserie „The Office“, aus der er ein Modell zur Erklärung der Funktionsweisen aktueller Institutionen ableitete. Kern des Modells ist eine hierarchische Pyramide. Ganz unten sind die „Loser“, die es aufgegeben haben, sich nach oben arbeiten zu können. An der Spitze sitzen die Soziopathen, die eine Vision haben, der sie alles andere unterordnen (Bau eines Elektroautos, das die Autoindustrie revolutioniert, Entwicklung eines Smartphones) – und die entweder „Big History“ machen oder gegen die Wand fahren. Dazwischen gibt es das mittlere Management, „The Clueless“, die immer noch an die Früchte von harter Arbeit, Loyalität, Nachhaltigkeit und verantwortlichen Risikoabwägungen glauben – und sich wundern, dass die Soziopathen nie sie, sondern immer nur soziopathisch veranlagte „Loser“ an die Spitze befördern, die dort sprunghaft und skrupellos zwischen phantastischen Gewinnmöglichkeiten und totalem Desaster hin- und herzappen. Man kann einiges damit erklären, sogar die Trump-Administration.

„Ribbonfarm“ ist für Amerika das, was die „Edition Suhrkamp“-Bände hierzulande waren – mit dem Unterschied, dass die Theorieproduktion anders funktioniert. Rao hatte den Begriff „Premium Mediocre“ schon in einem frühen Stadium in den Blogger-Orbit geschossen und Definitionsvorschläge aus Indien, China und Afrika erhalten, die er in seinen Text integriert; die Kritik wurde eingebunden, bevor der Begriff zur Theorie aushärtete. Darin deutet sich auch eine andere Arbeitsweise an, ein etwas öffentlicherer Denkakt, der sich von der Diskussion neuer Thesen in akademischen Forschungskolloquien unterscheidet. Dass man Rao dort auch mit Skepsis begegnet, mag an dieser Form von Theorieproduktion einer Schwarmintelligenz liegen und andererseits an Raos Hang zu Gags – wenn er etwa ganz Frankreich als Epizentrum des „Premium Mediocre“ bezeichnet, im Gegensatz zur Schweiz als „dem wahrhaft elitären Land in Europa“, was bei Rao nicht nur ein Kompliment ist. Denn auf eine gewisse Weise mag Rao das „Premium Mediocre“ als dritte Gruppe zwischen essentialistisch-nostalgischen, nach Authentizität suchenden Hipstern und den Profiteuren des neuen „Gilded Age“ sehr: In einer für sein Denken typischen Volte sieht er im „Premium Mediocre“ nicht nur eine ästhetische Ruhigstellung von Menschen, die politische Forderungen nach Teilhabe stellen müssten. Wer „Premium Mediocre“ konsumiere, sei sich der Illusion, die er kauft, bewusst. Ein Grund, es trotzdem zu tun, sei der Wunsch der „Generation Z“, ihren Eltern Enttäuschungen zu ersparen – jener Babyboomer-Generation, die hart dafür arbeitete, dass es ihre Kinder besser haben werden. „Premium Mediocre“ tue so, als ob es nicht haltlos bergab gehe, sondern die beste aller Tech-Welten, der Moment, in dem das Geld aller sich vermehre und jeder einen Tesla fahre, noch denkbar sei. Was aber soll jenseits tröstender Bluffs für die Eltern positiv sein am „Premium Mediocre“?

Zum Beispiel, schreibt Rao, die „Aura der Exklusivität, ohne tatsächlich exklusiv zu sein, ohne jemanden auszuschließen“. Ausgerechnet in den Fragwürdigkeiten des „Premium-Mittelmaßes“ lebe die Forderung nach dem guten Leben und Trüffeln für alle weiter. Und so könne „Premium Mediocre“ die letzte wirksame Waffe gegen die Aufspaltung der Gesellschaft in ein Megaprekariat und eine von Automatisierung und Robotisierung in ungekanntem Ausmaß profitierende Oberschicht sein, die, so Rao, nur noch zwei Gruppen kenne – „diejenigen, die den Robotern sagen, was sie tun sollen, und diejenigen, denen die Roboter sagen, was sie zu tun haben“.

Weitere Themen

Topmeldungen

Klarer Favorit: Boris Johnson

May-Nachfolge : Johnson tritt gegen Hunt in Stichwahl an

Die letzten zwei Kandidaten um die Nachfolge Mays sind Boris Johnson und Jeremy Hunt. Nun müssen die Parteimitglieder der konservativen Partei in einer Stichwahl abstimmen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.