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„Premium Mediocre“ : Auf in eine mittelmäßig gute Zukunft

Blogger der Stunde: Venkatesh Rao, geboren 1974.

Die ganze Sharing-Kultur ist so gesehen „Premium Mediocre“ in Reinkultur: Es wird als unnötig und nicht begehrenswert verkauft, was ökonomisch auch nicht mehr drin ist. „Junge Menschen“, heißt es, „brauchen das Auto nicht mehr als Statussymbol“. Außerhalb der Städte brauchen sie es aber schon noch, um überhaupt zu ihrer schlecht bezahlten Lehrstelle zu kommen. Diese Realität wird durch das toxische ideologisch-ästhetische Gebräu aus Moral („brauchen kein Statussymbol mehr“), Ökologie und Effizienzsteigerung („zu viele Autos stehen ungenutzt herum“) aus dem Blickfeld gespült.

„Premium Mediocre“ ist nicht die einzige Wortneuschöpfung von Venkatesh Rao. Man muss fast bis zu Marx zurückgehen, um jemanden zu finden, der derartig obsessiv neue Begriffe erfindet, um neue sozio-ökonomische Realitäten sichtbar zu machen. Wenn man jüngere Kuratoren oder Soziologen fragt, wer den soziologischen Diskurs in Amerika zurzeit prägt, fällt immer wieder sein Name. Rao prägte auch den Begriff der „Kryptobourgeoisie“, was einerseits eine neue bürgerliche Klasse meint, die Rituale des klassischen Bürgertums nicht beherrscht oder nicht beherrschen will – und andererseits, als ökonomische Kategorie, auf die Herkunft enormer Vermögen aus Kryptowährungen wie Bitcoin verweist. Rao ist der Erste, der auf ein neues Milieu aufmerksam macht, das früh in Bitcoins investierte, aber damit keine Gewinnhoffnungen verband, sondern entweder den gegen die von Staaten emittierten Währungen gerichteten, sozialutopischen Anarcho-Charakter des Bitcoins mochte – oder ihn für Transaktionen im Darknet brauchte.

Durch den sagenhaften Aufstieg der Kryptowährung wurden so Verbrecher, Nerds und linksalternative Utopisten, denen es nie um Kapitalakkumulation ging, zu Millionären und bilden nun eine von sich selbst überraschte „Kryptobourgeoisie“, während traditionelle Banker und der hart arbeitende Mittelstand durch den Crash von 2008 in eine Abwärtsspirale gerieten, auf der sie und ihre Nachkommen sich allenfalls noch mit „Premium Medicore“-Produkten einreden können, es gehe wieder bergauf: „Ich bin noch kein Millionär, aber auch noch kein Typ, der sich als Uber-Chauffeur über Wasser halten muss“, beschreibt Rao die Gefühlslage des schlingernden Premium-Mittelstands.

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Man muss gar nicht so weit gehen, Venkatesh Rao als eine Mischung aus Roland Barthes und Susan Sontag zu feiern, um seine Bedeutung für ein zeitgenössisches Denken und eine neue Epistemologie deutlich zu machen – zumal sich Rao in Herkunft, Arbeitsweise und Form von Erkenntnisproduktion deutlich von diesen Referenzen unterscheidet. Venkatesh Rao wurde in Indien geboren und dort als Programmierer ausgebildet, ging nach Michigan und promovierte dort als Luft- und Raumfahrttechniker mit einer Arbeit über „Team Formation and Breakup in Multiagent Systems“, in der es um Kontrolltheorien und den Einsatz Künstlicher Intelligenz ging. Danach arbeitete er als Berater und gründete 2007 seinen Blog „Ribbonfarm“, in dem er mit einem Team von Autoren die unterschiedlichsten Gegenwarts- und Welterklärungsmodelle veröffentlicht; allein im vergangenen Jahr wurden 62 Texte publiziert.

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