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Geschlechtsidentität : Verleugnung per Gesetz

  • -Aktualisiert am

Wie man Transkinder am besten schützt, ist eine kontrovers diskutierte Frage Bild: Imago

Das Selbstbestimmungsgesetz gibt vor, Transpersonen seien nur dadurch zu schützen, dass ihr Trans-Sein verschwiegen wird. Das ist falsch. Ein Gastbeitrag.

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          Im Jahr 2020 haben 2687 Menschen von deutschen Amtsgerichten eine Änderung ihres standesamtlichen Geschlechtseintrags bewilligt bekommen. Das ist eine winzige Minderheit. Aber die Reife einer Demokratie zeigt sich daran, wie sie ihre Minderheiten schützt. Und das neue Selbstbestimmungsgesetz, das die Ampelkoalition vorbereitet, will alle, die den Geschlechtseintrag ihrer Geburtsurkunde ändern lassen, angelegentlich schützen. Nicht nur vor Mobbing aller Art und Nachteilen bei der Job- oder Wohnungssuche. Denen wehrt ja schon das Grundgesetz. Was hinzukommen soll, ist ein neuartiger Schutz vor jeglicher Art von Erkundigung. „Ich möchte meinen Geschlechtseintrag X in Y verändert haben“: Diese Erklärung soll künftig genügen. Wenn der Mensch, der sie abgibt, das nicht öfter als einmal jährlich tut und mindestens vierzehn Jahre alt ist, dann hat sie der Standesbeamte nach Prüfung des Personalausweises einfach nur auf­zunehmen. Dokumente für ihre Berechtigung erübrigen sich. Denn niemand muss sich für seine Em­pfindungen rechtfertigen. Und Ge­schlechtszugehörigkeit, so die stille Voraussetzung des Gesetzestextes, ist eine Sache der Empfindung – und sonst nichts.

          Damit tut der Text allerdings etwas Epochales. Er verschmilzt den dringend gebotenen Schutz einer Minderheit mit einer neuen Realitätsdoktrin: „Ich wünsche, also bin ich“, oder: „Ich bin, was ich zu sein wünsche.“ Der Mensch ist zwar das wünschende Tier. Sein ganzes Gefühlsleben ist von Wünschen durchdrungen. Ohne sie käme er nie zu Gedanken. Aber realitätstüchtig wird er nur in dem Maße, wie er lernt, seine Empfindungen und Wünsche in ein Verhältnis zu Natur und Gesellschaft zu setzen. Das Gefühl, korrekt Steuern bezahlt zu haben, schützt nicht davor, dass der Fiskus einschreitet, wenn seine Unterlagen anderes besagen. Das Gefühl, Wahlsieger zu sein, hilft wenig, wenn die Zahlen dagegensprechen. Das Gefühl, den Doktortitel tragen zu dürfen, verschont nicht vor der Justiz, wenn er nicht rechtmäßig erworben wurde.

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