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Roboterjournalismus : Der Computer bestimmt, was auf die Titelseite kommt

  • -Aktualisiert am

Ruhe bitte, der Chefredakteur arbeitet gerade: Watson, die künstliche Intelligenz, übernimmt einen Job nach dem anderen. Bild: dpa

Für Journalisten wird es langsam eng. Und für Chefredakteure auch. IBMs Superhirn Watson hat eine ganze Ausgabe des britischen Marketing-Magazins „The Drum“ gestaltet.

          Vor einigen Tagen hatte die Redaktion des britischen Marketing-Magazins „The Drum“ einen ziemlich intelligenten Gast: IBMs Supercomputer Watson, bekannt geworden durch seinen Sieg bei der Quizshow „Jeopardy!“. Während die Journalisten in ihren Bildschirm starrten, Online-Spiele spielten oder auf dem Fußboden saßen, gestaltete Watson die komplette Ausgabe des Hefts. Er wählte Bilder aus, passte Texte an und gestaltete die Seiten. Tausend Exemplare der Ausgabe wurden gedruckt.

          Gordon Young, der Chefredakteur von „The Drum“, wird mit den Worten zitiert: „Wir hatten die Gelegenheit, mit der Hilfe von IBMs Watson diese Ausgabe zu gestalten, und wir sehen, dass viele unserer Geschichten von der künstlichen Intelligenz profitieren.“ Zur Belohnung durften Watsons Chefentwickler David Kenny und der technische Leiter Rob High einen Gastbeitrag schreiben und wurden zum wohlwollenden Interview gebeten. „The Drum“ landete mit der Watson-Ausgabe einen Coup.

          Algorithmen schreiben schon seit längerem selbständig Textbeiträge. Die Agentur AP nutzt eine Software, die täglich Millionen automatisierte Finanz- und Sportberichte produziert. Dass aber ein KI-System ein ganzes Magazin erstellt, ist neu. Das könnte den Roboterjournalismus auf eine neue Stufe heben. Und wie machte Watson das Magazin? Er wurde mit Daten der Gewinner des Goldenen Löwen beim Cannes Lions International Festival of Creativity gefüttert. Das Ziel war es, eine kreative Künstliche Intelligenz zu schaffen. Watson wurde in Design und Geschmacksfragen „geschult“, um mit einem Lifestyle-Magazin etwas anfangen zu können.

          Im Quizduell gegen die menschlichen Champions in der Show „Jeopardy!“ hatte Watson die Nase erwartungsgemäß vorn.

          Den Kreativitätstest hat der Supercomputer mit Bravour bestanden. Woraus folgt: Nähme man die von einer Software geschriebenen Texte à la Associated Press und übergäbe sie an Watson, wäre die künstliche Redaktion komplett. Das ist ein für Journalisten beunruhigendes Szenario, über welche das lustige Video, dass die Redaktion von „The Drum“ über ihr Rumgammeln im Büro, während Watson die ganze Arbeit macht, nicht hinwegtäuscht. Die Automatisierung macht vor qualifizierten Berufen nicht halt. Ärzte, Piloten, Juristen und eben auch Journalisten könnten ganz verschwinden, prophezeien die Technik-Jünger aus dem Silicon Valley. Bedenken versucht der IBM-Chefentwickler David Kenny in seinem Gastbeitrag bei „The Drum“ zu zerstreuen: „Bis jetzt geht es bei künstlicher Intelligenz mehr darum, dass Menschen Maschinen befragen. Mein Traum ist es, dass Watson uns Fragen stellt und Computer selbst Ableitungen vornehmen können.“ Im Klartext: Der Computer soll nicht von einem Fall auf einen ähnlichen schließen, sondern vom Allgemeinen auf die Einzelheit, er soll Muster erkennen und Hypothesen aufstellen. Im investigativem Journalismus könnte das von großem Nutzen sein, etwa, wenn es darum geht, große Datenmengen zu sichten und Strukturen zu ermitteln. Journalisten könnten von mühsamen Aufgaben entlastet werden und sich dem Schreiben widmen.

          Die Frage ist eben, wie man das KI-System einsetzt. Um Redakteure zu ersetzen, brauchte Watson freilich nicht nur die handwerklichen und kombinatorischen Fähigkeiten, sondern auch einen Kompass, was man aus welchen - professionellen oder ethischen - Gründen schreibt und was nicht, eine Redaktionslinie sozusagen. Noch haben die Programmierer von IBM einige Aufgaben vor sich, von denen man nicht unbedingt hofft, dass sie sie lösen.

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