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Der Fall Afghanistans : Das Krebsgeschwür Taliban

  • -Aktualisiert am

Die Lust, anderen die eigenen Werte aufzuzwingen: Talibankämpfer triumphieren in Kabul Bild: AP

Gott ist in Afghanistan lebendiger als alle Lebenden. Wer sich dort humanistischen Werten verschrieb, dem geht es an den Kragen. Denn autoritäre Regime müssen die Schrauben immer weiter anziehen. Ein Gastbeitrag.

          7 Min.

          Der Sieg der Taliban ist ein neuer, ein schrecklicher Schlag gegen den west­lichen Glauben an die menschliche Vernunft. Ein­­fach ein mächtiger Hieb auf den Kopf! Da denken wir, im Westen sei schon lange die Zeit der Gottlosigkeit angebrochen. Gott sei tot, wie Nietzsche behauptete. Vielleicht ist Gott im Westen tatsächlich tot, doch der naive Glaube, die westlichen Werte seien universal und taugten deshalb für alle, floriert. Diese Werte passen wirklich oft zum Leben. Aber wo? Im Westen. Und der Westen ist sicher, dass andere Zivi­lisationen für sein Modell noch nicht reif genug seien und daher Belehrungen nö­tig hätten. In Wirklichkeit irrt der Westen mit dem Glauben an sein universales philosophisches Modell des Menschen.

          Dieses Modell gründet auf den Be­strebungen des europäischen Humanismus. Ein empfindsam-schönes Gebilde, stützt es sich auf den Triumph der Re­naissance-Kultur, Mona Lisa, die Schönheiten von Florenz, Museen, Parks, Mozart und Champagner. Es ist ausgerichtet auf die lichte Zukunft des Komforts, es ruht auf der Überzeugung, der Mensch sei im Grunde gut und das Böse bloß ein aufgesetztes Phänomen, mit dem man fertigwerden kann. Wenn man den Menschen nur mit Humanismus impft, dann wird alles okay!

          Der Erfolg der Taliban beweist, wie falsch eine solche Einstellung ist. Jede Zivilisation hat ihre eigenen Vorstellungen von Gut und Böse, und die Taliban passen definitiv nicht in die des Humanismus. Ihre Vorstellungen von den grundlegenden Werten bestehen gerade darin, dass Gott lebt, und wie! Er ist le­bendiger als alle Lebenden, wie die russischen Kommunisten über Lenin sagten.

          Schadenfreude über Amerika

          Vertieft man sich in den Koran, kann man zu der für den Westen betrüblichen Ansicht gelangen, dass dort nicht die Spur von Humanismus zu finden ist. Da­her all das humanistische Aufheulen da­rüber, dass die Taliban jetzt Rache üben werden, Frauen unterdrücken, un­ge­heuerliche Schariagerichte einführen, Ehe­­brecherinnen steinigen und liberale Modelle des Westens hassen – all das trifft nicht den Kern. Es existiert einfach eine andere, nicht westliche Konstruktion des Lebens, begründet auf einer an­deren Basis, auf anderen Ideen darüber, was böse und was gut ist.

          Mir fällt es schwer, die heutige Schande der Amerikaner mit anzusehen, die vor 20 Jahren in Afghanistan einmarschierten, übrigens mit Unterstützung Russlands, um mit den Terroristen abzurechnen, die am 11. September eine apokalyptische Katastrophe in New York angerichtet hatten, aber dann von der Idee beseelt waren, ein neues afghanisches Leben nach ihrem eigenen Mo­dell aufzubauen. Der amerikanische Präsident tut mir leid, weil er sich rechtfertigen muss für die Flucht seiner Diplomaten und Militäreinheiten aus Kabul.

          Be­sonders leid tun mir die verwaisten Familien der in dem verlorenen Krieg sinnlos gefallenen amerikanischen Soldaten. Und die sinnlos für Afghanistan ausgegebene Billion Dollar hätte man besser ir­gendwo in Afrika für die Hungerbekämpfung eingesetzt. Ich bin sicher, dass nicht nur Russland, sondern in mancher Hinsicht auch Europa schadenfroh ist – ge­schieht dir recht, Amerika. Diese Schadenfreude ist verwandt mit der Philosophie der Taliban. Afghanistan ist der Stein des Anstoßes für diejenigen, die es ihren eigenen Werten annähern wollen. Wir haben in der Sowjetzeit ja auch eine schallende Ohrfeige von den Afghanen be­­kommen. Und wir sind von dort nur dank Gorbatschow abgezogen, aber nicht so schändlich wie jetzt die Amerikaner.

          Verführt von der westlichen „Leichtigkeit des Seins“

          Ich kann verstehen, warum die von den Amerikanern gut ausgerüstete prowest­liche, 300 000 Mann starke afghanische Ar­mee kapituliert hat. Sie stand für etwas, an das sie nicht glaubte, doch dafür nicht schlecht bezahlt wurde. Dabei drängt sich die Frage auf: Was wird aus den afghanischen Frauen, die sich westlich kleideten, ihr geschminktes Gesicht zeigten und in den Cafés von Kabul Kaffee tranken? Wa­ren sie etwa nicht bereit, den Westen in sich aufzunehmen und Kinder in die Welt zu setzen, die denen in Paris und Berlin äh­neln? Ja, diesen jungen Frauen geht es jetzt an den Kragen, sie sind, verführt von der westlichen „Leichtigkeit des Seins“, in der Minderheit, das Ende der Jeans und offenen Gesichter naht. Sei gegrüßt, o Schrecken, alles verschlingende Finsternis der Burka!

          Man sollte meinen, jetzt, da die Taliban bis an die südlichen Grenzen der ehe­maligen Sowjetunion gelangt sind, sei der Zeitpunkt gekommen, da Amerika, Eu­­ropa und Russland sich im Kampf ge­gen den radikalen Islamismus vereinen würden. Doch weit gefehlt. Für Russland ist es wichtiger, für seine Wählerschaft, ge­nauer gesagt, für seine eigene Legitimierung, Amerika als Feind, nicht als Freund zu haben.

          In unserem 21. Jahrhundert wissen wir immer noch nicht genau, was das ist, der Mensch, und was er will. So viele westliche Philosophen haben brillant über dieses Thema nachgedacht, so viele russische Schriftsteller haben sich über dieses Problem den Kopf zerbrochen, aber bis heute haben wir nicht geklärt, wer wir tatsächlich sind. Mal überschätzen wir uns, mal schätzen wir uns gering. Wir haben nur eine vage Idee von uns selbst.

          Darum ist ein Mensch mit Koran, der daran glaubt oder zumindest sein Leben danach ausrichtet, stärker als wir mit unseren vagen Visionen.

          Covid reicht uns nicht: Hier handelt es sich um eine neue Variante einer alten Krankheit, die in Afghanistan außer Rand und Band geraten ist. Das ist Krebs – das politische Krebsgeschwür des Terrors. Af­ghanistan wird vielleicht nicht sterben, aber es wird auf viele Jahre hinaus ein un­glücklicher Leidgeprüfter bleiben.

          Der Doktor Westen läuft vor dem Patienten weg

          Und Doktor Westen wird ihm nicht hel­fen. Er ist bereits vor dem Patienten weg­gelaufen. Russland und China tun so, als sei der Krebs nicht bösartig, als handle es sich nur um eine „Kinderkrankheit“ der Staatswerdung. Greift aber die Krankheit auf das ehemals sowjetische Mittelasien über, wird Russland selbst in der Falle sitzen.

          Warum haben die afghanischen Taliban gesiegt, und was droht damit der Welt? Es gibt da ein Lied aus der frühen Sowjetzeit: „Mutig ziehen wir in den Kampf für die Sowjetmacht, und wie ein Mann sterben wir im Kampf dafür.“ Hier liegt der Schlüssel für die siegreichen Revolutionen der neuen Zeit, von den Bolschewiki bis zu den Taliban. Die Bereitschaft, für seine terroristischen Ide­ale zu kämpfen und zu sterben, dabei die Ideale anderer zu verachten und zu hassen.

          Der Sieg der Taliban gemahnt an das Sprichwort: „Übung macht den Meister“. So etwas gab es und wird es immer geben. An die Macht in Afghanistan sind diejenigen gelangt, die erkannt haben, welcher Natur der Erfolg von Gewalt ist, diejenigen, die von Neuem den Menschen „ge­­lesen“ und verstanden haben, dass Hu­­manismus und Liberalismus allzu oberflächliche, aufgepfropfte Erscheinungen sind. Im Innern des Menschen lebt die wahnsinnige Leidenschaft, eine Angst und Schrecken einjagende Ka­lasch­nikow in die Hand zu nehmen, sich einen langen Bart wachsen zu lassen und ein grimmiger Verteidiger dessen zu sein, was er unter Gerechtigkeit versteht. Derlei Bartträger haben wir in Kuba gesehen. Sie hatten ihren eigenen Koran. Unsere Kommunisten von 1917, brutale und gnadenlose Leute, hatten auch ihren Koran – die Lehren von Marx über den Klassenkampf. In puncto ungeheuerliche Grausamkeit können die Bolschewiki mit den Taliban konkurrieren. In unserem Land sind Millionen gestorben, viele der besten, begabtesten Menschen sind aus dem Land geflohen.

          Russland hatte seine eigenen Taliban

          Uns in Russland sind die Taliban kein Rätsel. Wir hatten unser eigenes Taliban-Regime, und in gewissem Maße haben wir es noch. Wir sind weit entfernt von den Idealen der westlichen Demokratie. Aber eben die Erfahrung Russlands sagt mir, selbst wenn heute die Taliban „auf Zehenspitzen“ nach Kabul gekommen sind, niemanden aufhängen, sondern im Gegenteil die mit dem Westen verbundenen Kollaborateure amnestieren wollen ­ – dieser Moment der Milde wird schnell verflogen sein.

          Ein autoritäres Regime, das auf dem Koran oder auf Marx, im mittelalterlichen Europa auf der Bibel basiert – das ist ein schnell auflodernder Scheiterhaufen, der alles und jeden verbrennt. Auch in Afghanistan wird es Hinrichtungen und Opfer geben – man mache sich da keine Illusionen. Es wird Armut geben. Das Weinen der Frauen, Peitsche ohne Zuckerbrot. Autoritarismus basiert da­­rauf, dass er permanent die Schrauben fester anzieht, damit das Regime nicht ins Wackeln gerät. Er bedeutet wachsenden internen Terror, die Vernichtung der ei­genen Zivilisation, Radikalisierung mit radikalster Auslegung selbst der strengsten Forderungen des Korans.

          Der Mensch an sich, der östliche zu­mal, genießt es zuweilen, unanfechtbar zu sein, der Einzige, der im Recht ist, den Richter zu spielen über Schwache, ge­stützt auf alte fundamentale Glaubensvorstellungen, kurz gesagt, nicht einfach nur ein Bandit, sondern ein hemmungsloser Sadist. Wenn eine Religion solchen Sadismus unterstützen kann, dann be­waffnen wir uns eben mit dieser Religion, im vorliegenden Fall benutzen wir den Islam.

          Wechsel der Fahne

          Die Bolschewiki haben gesiegt und wurden zu Blutsaugern, doch von ihrer po­litischen Natur her waren sie der Zu­kunft zugewandt, sie glaubten daran. Die Taliban sind das neue Mittelalter, mit ei­nem Glauben, der rückwärtsgewandt ist.

          Die Kommunisten sind gescheitert, weil sie eine falsche Zukunft erfunden haben. Die Taliban sind standfester, be­sonders in einem armen Land – sie be­drohen alle, die nicht an die Wurzeln ih­rer eigenen Kultur glauben.

          Doch es gibt auch eine fatale Übereinstimmung zwischen Russland und Afghanistan. Auch wir haben nach der Revolution von 1917 die Fahne gewechselt, statt der russischen Trikolore bekamen wir die ideologisch eindeutige rote Fahne. Die Afghanen werden jetzt auch eine neue Fahne haben, die weiße des Emirats, und darauf schon die Blutspritzer jener Af­ghanen, die kürzlich gegen den Wechsel der Fahne protestiert haben. Mit der Fahne ändert sich auch der Name des Landes. Nach dem Bürgerkrieg wurden wir die Sowjetunion, das war weniger eine ideologische, als vielmehr eine quasi „re­ligiöse“ Regelung. Das Gleiche ge­schieht mit dem neuen Namen des Landes der Taliban, der da lautet: Islamisches Emirat Afghanistan.

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          Wie radikal das ideologische Regime auch sein mag, es wird sich nolens volens in Falken und Tauben spalten. In unserer Geschichte verlor der liberale Bu­charin gegen Stalin. Auch bei den Taliban wird letztlich ihr Stalin Gestalt annehmen. Au­toritäre Regime dulden keine Tauben.

          Der Westen wird intolerant gegen gestrige Werte

          Der Westen ist heute nicht bereit, für fremde Ordnungen zu kämpfen und zu sterben. Bidens Amerika verweigert den Aufbau von Regierungssystemen in den Ländern der Dritten Welt und er­möglicht damit den radikalen religiösen Regimen, Koalitionen zu bilden, nach Expansion zu streben. Nichts zu machen.

          Der Westen sitzt heute auf einem Stuhl, den es nicht gibt. Es hat ihn irgendwann einmal gegeben, diesen Stuhl, aber er ging kaputt und wurde auf den Müll geworfen. Halt bietet nur noch der im Leeren hängende Hintern: angenehme Umgangsformen, Komfort, Konsum. Auch das ist ein Wertesystem, aber seine Dynamik ist ne­gativ. An die Stelle des Humanismus treten Phänomene hypermoderner Intoleranz gegenüber gestrigen Werten. Der Kampf gegen die weltweit verbreitete se­xuelle Belästigung von Frauen, der radikale Feminismus, die Political Correctness – das ist die Philosophie unserer Ta­ge. Sie kennt keine Kompromisse.

          Was Kompromisslosigkeit betrifft, neh­­men sich Osten und Westen nichts. Nur dass sich all das im Westen im Na­men der individuellen Freiheit entwickelt und auf Gerichtsentscheide oder die öf­fentliche Meinung stützt, während in Af­ghanistan blanke Gewalt den Despotismus durchsetzt. Der Despotismus erweist sich als stärker. Er hat die Nase vorn, er wird siegen. Was wird seinen Zusammenbruch herbeiführen? Nur ein Wunder.

          Viktor Jerofejew ist Schriftsteller und lebt in Moskau. Zuletzt erschien von ihm „Die Akimuden. Ein nichtmenschlicher Roman“ im Hanser-Verlag, Berlin.

          Aus dem Russischen übersetzt von Beate Rausch.

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