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Streit um italienische Elf : Das Knie gebeugt

Da stehen sie und knien nicht, das gilt allerdings für beide Teams: Die Nationalmannschaften von Italien und Wales vor dem Beginn ihrer EM-Partie. Bild: dpa

Verwirrung vor dem EM-Spiel der Azzurri gegen Wales: Die einen knieten, als Zeichen gegen Rassismus, die anderen blieben stehen. In Italien tobt eine Debatte darüber, was die Spieler hätten tun sollen.

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          Kann es sich die Nationalmannschaft eines demokratisch verfassten Staates leisten, Gesten von globaler Bedeutung einfach Launen und privaten Vorlieben zu überlassen? Darüber streitet man gerade in Italien, wo der Freudentaumel über den 1:0 -Erfolg der Azzurri gegen Wales nur kurz anhielt, bevor eine Kontroverse losbrach, welche die italienische Öffentlichkeit seither in Atem hält. Vor dem Anpfiff des Spiels am vergangenen Sonntag war die Nationalmannschaft von Wales einen Moment lang geschlossen niedergekniet. Die Geste war ein Tribut an die Black-Live-Matters-Bewegung und ist seit dem Mord an George Floyd in Minneapolis im Mai 2020 weltweit millionenfach nachgeahmt worden – auf Baseballplätzen, Basketballfeldern und auch im Fußball. Im Stadio Olimpico von Rom sah man sie jedoch noch nie, und nie zuvor hatte ein italienischer Spieler sie gezeigt. Diesmal aber folgten fünf italienische Spieler dem Beispiel der Waliser. Sechs andere taten dies nicht – und der Himmel fiel auf die Mannschaft herab.

          Karen Krüger
          Redakteurin im Feuilleton.

          In den sozialen Medien, in Zeitungen und Fernsehshows werden die Namen der Spieler durchgekaut, die das eine oder das andere taten; man feiert sie als Helden oder brandmarkt sie als Versager und klopft ihre Biographien nach rassistischen oder antirassistischen Episoden ab. Die einen jubeln über ein geeintes und glückliches Italien in der Umkleidekabine, das aber frei in der Entscheidung sei, die globale Antirassismus-Bewegung zu unterstützen oder sie zu ignorieren. Andere sehen in der Szene den skandalösen Beweis für den latenten Rassismus im italienischen Fußball, ja sogar im ganzen Land. In Wirklichkeit offenbarte die Szene jedoch weder Zustimmung noch Ablehnung. Was man auf dem römischen Rasen sah, war vielmehr das Ergebnis von großer Naivität, Ignoranz und Unorganisiertheit.

          Die einen knien, die anderen stehen

          Wer den Augenblick genau beobachtete, merkte: Keiner der italienischen Spieler hatte sich zuvor Gedanken über einen möglichen Kniefall gemacht. Sie schienen überrascht, stolperten der Geste der Walliser mehr schlecht als recht hinterher – so, als spielte man auf irgendeinen Bolzplatz Fußball, und die Kumpels der anderen Mannschaft machten kollektiv plötzlich etwas Unerwartetes, von dem man sich fragt: Soll ich da jetzt auch mitmachen? Die einen machten mit, die anderen ließen es sein – ohne dabei sicherlich bewusst an die Tötung Georg Floyds zu denken oder daran, dass sie in diesem Augenblick von Millionen von Menschen beobachtet, beurteilt und interpretiert wurden.

          Der Rasen der EM ist aber kein Bolzplatz. Die italienische Nationalmannschaft verschenkte einen Moment, der ein wichtiges Bekenntnis zur antirassistischen Bewegung hätte sein können und das Ansehen der Azzurri in der Welt gestärkt hätte. Denn allein um Tore ist es bei internationalen Turnieren ja noch nie gegangen. Es geht auch darum, wie ein Land sich über seine Nationalmannschaft präsentiert – und dazu gehört nicht nur die sportliche Leistung, sondern deren Verständnis von Fairness und symbolischen Gesten, die am Rande oder eben auf dem Spielfeld gezeigt werden. Bei diesem Turnier im Jahr 2021 ist die sicherlich Bedeutendste das symbolische Niederknien als Reverenz an die antirassistische Bewegung.

          Es ist ein Politikum, zu dem eine Nationalmannschaft sich bekennt oder nicht: Einer belgischen Mannschaft, die geschlossen das Knie beugte, stand beispielsweise ein russisches Team gegenüber, das stehenblieb. Die Franzosen zeigten zunächst keinen Kniefall, sollen ihre Meinung nach den von der extremen Rechten angefachten rassistischen Protesten aber geändert haben. Es war zu erwarten, dass die Waliser den Kniefall zeigten. Genauso wir ihre englischen und schottischen Kollegen hatten sie das schon in vorangegangenen Spielen getan. Ausgerechnet die italienische Mannschaft, die in diesem Turnier wie kaum eine andere die Spielzüge anderer vorauszusehen scheint und durch ihr kameradschaftliches Auftreten von sich Reden macht, hat im Spiel um symbolische Gesten versagt.

          Den Spielern selbst kann man das nicht vorwerfen. Es wäre die Aufgabe der Funktionäre gewesen, sie zu informieren. Eine kurze Abstimmung in der Umkleidekabine hätte genügt. Für? Gegen? Wenn klar gewesen wäre, was die Mehrheit will, hätte man geschlossen auftreten können – nicht der einzelne Fußballspieler sollte sich hinknien, sondern die Nationalmannschaft. Die Hälfte kniend und die Hälfte stehend, das wirkte verfehlt. Fehl am Platz sind indes auch öffentliche Strafgerichte über die Spieler. Gesten, die richtig und wichtig sind, verlieren so nur ihren Sinn.

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