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Schriftsteller zu Grass : Intellektuelle Senkgrube

Beim Entzünden der Pfeife : Günter Grass Bild: dpa

Seine Auslassung verdiene Ignoranz, er denunziere das politische Anliegen von Literatur: Vier Schriftsteller aus Deutschland, Österreich und Israel äußern sich zu Günter Grass und seinem Gedicht.

          2 Min.

          Die Entrüstung über das Israel-Gedicht von Günter Grass hält an. Bei der überwiegend scharfen Kritik fällt nicht zuletzt ins Gewicht, dass der vierundachtzigjährige Literaturnobelpreisträger mehr als sechs Jahrzehnte verschwiegen hat, dass er als Junge in die Waffen-SS eingezogen wurde; erst 2006 sprach er darüber. Auch die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff findet gegenüber der F.A.Z. deutliche Worte, wenn sie Grass vorwirft: „Die eigene SS-Nähe verschweigen, sich unermüdlich zum Lehrmeister Deutschlands aufschwingen, Konrad Adenauer schmähen, obwohl der eben gerade kein Nazi gewesen war, und nun den Israelis vorwerfen, sie wollten alle Iraner auslöschen“.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Sibylle Lewitscharoff, die im vergangenen Jahr für ihren Roman „Blumenberg“ mit zahlreichen Preisen geehrt wurde, erkennt in Grass’ Einlassung „Was gesagt werden muss“ ein wiederkehrendes Muster: „Da strudeln die alten unbewussten Prägungen an die Oberfläche, da stellt sich der Völkermord an den europäischen Juden als Kippfigur ein. Jetzt werden die Juden als diejenigen imaginiert, die ein ganzes Volk vernichten wollen.“ Für Lewitscharoff stilisiert sich der Nobelpreisträger selbst als größtes Opfer aller Zeiten - „er, Grass, traue sich zu sagen, was sonst niemand zu sagen wage und werde nun verfolgt“. Dieser Inszenierung hält die Autorin entgegen, dass die Zeitungen voll seien von kritischen Berichten über die israelische Politik: „Wenn der Grass-Text ein Gedicht sein soll“, so Lewitscharoff, „dann habe ich gerade nach Verzehr einer Forelle mit Hilfe von zwei, drei melodischen Fürzen eine neue Matthäus-Passion komponiert.“

          Das politische Anliegen von Literatur wird denunziert

          Auch der österreichische Schriftsteller Clemens Setz äußert sich im Gespräch mit der F.A.Z. zu Grass: „Schade“, so der neunundzwanzig Jahre alte Grazer, „dass das ein bedeutender Schriftsteller wie Günter Grass gesagt hat, und nicht ein Blogger von Youtube. Den könnte man einfach ignorieren. Denn nichts anderes hätte eine derartige Aussage verdient.“

          Der deutsche Autor Jörg Albrecht, Jahrgang 1981, wirft Grass vor, sich einmal mehr als Gewissen der Nation aufzuführen und „in dieser eitlen Selbstbezogenheit verschiedene Tabuzonen“ zu vermischen. Es tue ihm leid, so Albrecht, „dass er in seinem sogenannten Gedicht gedanklich und sprachlich so unterkomplex bleibt und damit das politische Anliegen von Literatur denunziert“.

          Der israelische Schriftsteller Gil Yaron schließlich verurteilt die Aussagen des Gedichts gegenüber der F.A.Z. als „selbstzufriedene moralisierende, eurozentrische Haltung“, die Realitäten andernorts ausblende: „Grass’ Gedicht und seine Interviews sind literarische Leuchttürme, aber intellektuelle Senkgruben.“

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