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Reaktionen auf Günter Grass : Hat der alte Deutsche sein Haupt erhoben?

  • Aktualisiert am

Im Visier der Kritiker: Günter Grass (hier auf einer Aufnahme vom Dezember 2011) Bild: dapd

Die in Gedichtform vorgetragene Kritik von Günter Grass an Israel sorgt weiterhin für deutliche Stellungnahmen. Auch die Nobelpreis-Kollegin Herta Müller bezog Position.

          Die Wortmeldung des Literaturnobelpreisträgers Günter Grass zu Israel und Iran sorgt weiterhin für viele Stellungnahmen. Der amerikanische Schriftsteller und Holocaust-Überlebende Elie Wiesel geht hart mit Günter Grass ins Gericht. „Ich verstehe es einfach nicht und kann es nicht begreifen. Was ist da passiert? Ist der alte Deutsche plötzlich zurückgekehrt und hat sein Haupt erhoben?“, schrieb er in einem am Donnerstag in der israelischen Zeitung „Jediot Achronot“ erschienenen Gastkommentar.

          Der Iran werde von einem grausamen Diktator beherrscht, der wiederholt die Absicht bekundet habe, Israel zu zerstören. „Wie kann Grass denn da entscheiden, dass Israel den Weltfrieden bedroht und nicht der Iran“?, fragt der Friedensnobelpreisträger weiter.

          In Anspielung auf die Mitgliedschaft von Grass in der Waffen-SS im zweiten Weltkrieg fügt Wiesel hinzu: „Ich hätte erwartet, dass Grass angesichts seiner belasteten und problematischen Vergangenheit ein bisschen mehr Umsicht und Bescheidenheit an den Tag legen würde“.

          Auch im italienischen „Corriere della Sera“ fällt das Urteil eindeutig aus: „Wer der Waffen-SS angehört hat, sollte vorsichtiger in seinen Urteilen sein. Ist es möglich, dass die iranischen Drohungen und das Vorhaben, die Atombombe zu bauen, um den Staat Israel auszulöschen, Grass nicht dazu bringen, sich an den antijüdischen Hass zu erinnern, der doch genau dieses doppelte „S“ beherrschte? Ist es möglich, dass diese ganze Entrüstung des Günter Grass sich gegen die Bewaffnung des Staates Israel richtet, nie gegen den „gängigen“ Antisemitismus, der in Europa das Blutbad unter jüdischen Kindern in Toulouse preist? Ein
          Gedicht reicht nicht aus, um soviel Unsensibilität zu kaschieren.“

          „Tiefsitzende Verachtung für Israel“

          Nach zahlreichen anderen ameriaknischen Vertretern aus Religion und Politik hat sich auch die jüdische Anti-Defamation League empört über das Gedicht „Was gesagt werden muss“ von Günter Grass geäußert. Abraham Foxman, Leiter Organisation, warf dem Schriftsteller einen „hanebüchenen moralischen Vergleich zwischen Iran und Israel“ vor. Damit enthülle Grass eine „tiefsitzende Verachtung für Israel“, heißt es in einer in New York am Mittwochabend (Ortszeit) veröffentlichten Erklärung.

          „Die Gesamtwirkung dieser verzerrten Sichtweisen zusammen mit seiner lang verborgenen Zugehörigkeit zur Waffen-SS während des Zweiten Weltkriegs bestätigt Grass’ antiisraelische Einstellung und legt nahe, dass er einige antisemitische Überzeugungen hegt“, schrieb Foxman. „Zu einer Zeit, da die meisten verantwortlichen Länder und Menschen den Iran aufrufen, sein Atomwaffenprogramm aufzugeben, scheint Grass überzeugt, dass Israel der Übeltäter ist.“

          Falsche Symmetrie

          Auch der israelische Historiker Tom Segev hat Günter Grass Text „Was gesagt werden muss“ scharf kritisiert. Er habe den Eindruck, dass Grass vor allem von seinem eigenen langen Schweigen über seine Vergangenheit bei der Waffen-SS getrieben sei, sagte Segev in einem Interview mit „Spiegel Online“.

          Zudem verdrehe Grass die Tatsachen. „Der Unterschied ist, dass Israel im Gegensatz zu Iran noch niemals erklärt hat, dass es irgendein Land von der Weltkarte streichen will, während Iran Tag und Nacht verspricht, dass man Israel aus der Welt schaffen will“, sagte Segev.

          Verständnis für Grass

          Verteidigt wurde Grass in Deutschland vom Präsidenten der Akademie der Künste,
          Klaus Staeck.„Man muss ein klares Wort sagen dürfen, ohne als Israel-Feind denunziert zu werden“, sagte Staeck der in Halle erscheinenden „Mitteldeutschen Zeitung“ vom Donnerstag. „Die reflexhaften Verurteilungen als Antisemit finde ich nicht angemessen.“ Grass habe „das Recht auf Meinungsfreiheit auf seiner Seite“ und nur „seiner Sorge Ausdruck verliehen“. Diese Sorge teile er „mit einer ganzen Menge Menschen“.

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