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Marcel Reich-Ranicki über Grass : Es ist ein ekelhaftes Gedicht

  • Aktualisiert am

In Grass’ Werk kommen antisemitische Klischees nicht vor.

Nein, kommen nicht vor. Im Gegenteil. Ich fand die jüdischen Figuren in der „Blechtrommel“ zum Beispiel sehr gut. Er hat den Antisemitismus in sich komplett verdrängt, besiegt. Aber im Alter wird das alles anders. Weil auch die Erinnerung an die Jugend stärker wird. Und wissen Sie, was? Ich glaube, das war ein schwerer Schlag für ihn, dass Walser dieses Buch geschrieben hat, „Der Tod eines Kritikers“. Das war ja sehr gedämpft und vorsichtig. Aber es war ein Buch über die Juden. Gar keine Frage. Das ist von Grass ein geschickter Schachzug gewesen, jetzt nachzuziehen.

Das ist doch grauenvoll: dass sich die Position von Grass jetzt gegen Ende des Lebens ins Gegenteil verkehrt?

Ja, das unterliegt keinem Zweifel.

Sehen wir uns das Gedicht doch noch einmal genauer an. Ist das überhaupt ein Gedicht?

(Nimmt es zur Hand.) Nein. Ich sehe keine Reime. Gut, Reime müssen nicht sein. Gut, dann muss es Rhythmus sein. Nein. Gibt es nicht. Dann muss es das Vokabular sein, die Wörter, die Melodie. Es muss irgendwas sein. (Liest.) Es ist schrecklich. Es ist poetisch gar nichts. (Liest.) „Mit letzter Tinte“. Das ist natürlich sehr gut.

Das finden Sie gut?

Das Bild? Ja, das finde ich sehr gut.

Ist das nicht etwas abgegriffen? Schreibt Grass überhaupt noch mit Tinte?

Nein! Bestimmt nicht! Das ist doch ein Symbol!

Wenn Grass das bei Ihnen als Literaturchef der F.A.Z. eingereicht hätte, was hätten Sie gesagt?

Ich hätte ihm gesagt, „das geht nicht“. Es ist ja wirklich in jeder Strophe schlecht. Jede Strophe ist schlecht.

Bis auf das Symbol.

Ja. Mit letzter Tinte. Letzte Tinte, das ist sehr gut. Verflucht noch mal! (Haut auf die Lehne seines Sessels. Liest weiter.) Na ja. „Das Verdikt Antisemitismus ist geläufig“. Das ist auch gefährlich, diese Zeile. Das Wort „geläufig“ - jaaa, das sagt man so dahin. Es ist schon ein ekelhaftes Gedicht. Es stellt die Welt auf den Kopf. Ein Land will ein anderes auslöschen, der Iran will Israel auslöschen, das kündigt der Präsident immer wieder an, und Günter Grass dichtet das Gegenteil. Er raunt plötzlich. „Jenes andere Land“ - fürchterlich! Er ist einmal angetreten mit den Worten „Gedichte müssten besonders klar sein“. Und jetzt raunt er. Das ist grauenvoll. Wirklich grauenvoll. (Liest noch weiter.) Es ist alles unerträglich, wenn man das liest. „Mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert“ . . . Oh je, oh je. Grass wird immer undeutlich, wenn er im Grunde etwas verschweigen will. Wie „Beim Häuten der Zwiebel“, wo er von seiner SS-Mitgliedschaft auch immer nur raunt. „Die doppelte Rune“, „der Mann, der ich war“ und so weiter. Schrecklich!

Würden Sie sagen: Günter Grass ist ein Antisemit?

Nein. Ich meine etwas anderes. Ich meine, es gibt eine große Anzahl von Bürgern in diesem Land, gab es vor fünfzig Jahren, vor dreißig Jahren und gibt es heute, die antisemitische Neigungen haben. Und Günter Grass drückt das aus.

Macht Ihnen das Angst?

Na ja. Dass viele Leute das gerne hören und das gerne zur Kenntnis nehmen, das weiß ich, das ist klar.

Es überrascht Sie nicht?

Ach nein.

Die Angst ist immer da?

Ja. Ach, es ist alles schrecklich!

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