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Marcel Reich-Ranicki über Grass : Es ist ein ekelhaftes Gedicht

  • Aktualisiert am

Nein! Das mit der Zigeunermusik nicht. Da war doch was Richtiges dran.

Was hatte Sie bewogen, Ihr erstes Urteil noch einmal zu überprüfen?

Die Leute waren so hingerissen davon, dass ich es mir noch mal angesehen und festgestellt habe, da ist schon etwas dran. Er hat schon viele Sachen fabelhaft beschrieben.

Sie kannten Grass schon, als er noch an der „Blechtrommel“ schrieb. Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Begegnung?

Ja, natürlich. Das war in Warschau, 1958. Mein Freund Andrzej Wirth hatte mich gebeten, mich um diesen jungen deutschen Schriftsteller zu kümmern. Grass hatte damals zwei Dramen veröffentlicht. Seeeehr schlechte Dramen. Aber gut, sagte ich, ich kümmere mich um ihn.

Was war Ihr erster Eindruck?

Er hat mir Angst gemacht. Er hatte so etwas Wildes. Er sah aus wie ein bulgarischer Partisan, nicht wie ein junger Autor aus Westdeutschland, wie er da saß, im „Hotel Bristol“ in Warschau 1958. Als ich kam, schlief er, es war mittags. Er sagte, er hätte vorher schon eine Flasche Wodka getrunken.

Haben Sie sich gut verstanden?

Ach, nein. Ich sprach von Thomas Mann und Hesse. Das hat ihn alles überhaupt nicht interessiert, und er gab mir zu verstehen, dass ich gar keine Ahnung habe von der Literatur der Gegenwart. Erst als ich ihn fragte, was er selber schriebe, kam er etwas in Fahrt.

Was hat er erzählt?

Er schreibe über einen Zwerg in einer Irrenanstalt. Ich war ehrlich gesagt gleich etwas skeptisch.

Später, in der Gruppe 47, die ja zu großen Teilen aus früheren Wehrmachtsoldaten bestand, war er einer der wenigen, die sich für Ihre Zeit im Warschauer Getto interessierten.

Ja. Etwas davon hat er sogar literarisch verwertet. Im „Tagebuch einer Schnecke“, die Geschichte des „Zweifel“, das ist meine Geschichte.

Als Sie ihn darauf hinwiesen, dass jetzt ein Honorar für Sie fällig werde, wurde er blass.

Jaaa! Er hat meine Frau und mich dann zum Butt-Essen eingeladen, und ich durfte mir eine seiner Grafiken aussuchen. Er schrieb darunter: „Meinem Freund Marcel Reich-Ranicki“.

Hat Sie das gefreut?

Ach, das war nur eine Schmeichelei von ihm.

Haben Sie ihn je als Freund bezeichnet?

Nein.

Dem Buch, in dem Ihre Kritiken zu Günter Grass zusammengefasst sind, haben Sie ein Zitat aus seinem Roman „Hundejahre“ vorangestellt.

Zeigen Sie her! (Liest.) Das ist natürlich fabelhaft: „Die Weichsel ist ein breiter, immer breiter werdender, trotz der vielen Sandbänke schiffbarer Strom.“ Das ist natürlich genial. (Lacht in sich hinein.) Ich weiß es, weil ich doch an der Weichsel gelebt habe, damals als Kind.

In der Epoche der deutschen Literatur, die Sie als Kritiker begleiteten, ist er der Wichtigste gewesen.

Ja, natürlich der Wichtigste. Bei Martin Walser war von Anfang an alles so wacklig. Uwe Johnson war sehr gut. Aber es war kein Autor für das ganz große Publikum. Es gab eine Figur, die die Gegenfigur zu Grass hätte werden sollen, werden können: Wolfgang Koeppen. Koeppen hat uns alle enttäuscht. Er hätte die große deutsche Figur der Nachkriegsliteratur werden sollen, wie in der ersten Jahrhunderthälfte Thomas Mann.

So einen gab es in Ihrer Epoche nicht.

Nein.

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