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Marcel Reich-Ranicki über Grass : Es ist ein ekelhaftes Gedicht

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Günter Grass hat aus dem Verbrechen Auschwitz das Verbot der Deutschen zur Wiedervereinigung abgeleitet und den „Bleimantel der deutschen Schuld“ betont, der nie abzulegen ist. Meinen Sie, ihm ist dieser Bleimantel gegen Ende seines Lebens zu schwer geworden? Wollte er sich endlich davon befreien?

Ja. Das ist genau richtig. Er wollte sich davon befreien. Er wollte es nicht mehr. Und dann dürfen Sie ja nicht vergessen, die Geschichte mit der Waffen-SS, seine Mitgliedschaft, die Geschichte, die er ein Leben lang mit sich herumgetragen und nicht darüber geschrieben, nicht davon gesprochen hat. Das war ja immer schon eine besonders schwere Last, die er da im Geheimen trug.

Das hat er schließlich selbst publik gemacht.

Eins ist sicher. Er wollte ein ganz starkes Echo haben. Und das hat er erreicht.

Zur öffentlichen Person Grass gehörte von Anfang an auch eine zweite Person. Sein Gegenpart. Der Kritiker. Sie. Sie haben fast alle seiner Bücher besprochen.

Oh ja. Ich habe vieles von ihm besprochen und vieles durchaus günstig.

Sie haben beide davon profitiert, vom wachsenden Ruhm des Günter Grass.

Ja, mag sein.

Am liebsten mochten Sie immer seine Lyrik.

Ja, das stimmt.

Was hat Ihnen an seinen Gedichten gefallen?

Die große Klarheit. Die Helligkeit, die er da erreichte. Und dass er seine Gedichte nur selten für Botschaften oder Skandale missbrauchte. Er hat mit seiner Lyrik allerdings nie das große Publikum erreicht. Er war ja vor allem an Skandalen interessiert. Dafür war die Lyrik eigentlich nicht ideal.

Gibt es ein Grass-Gedicht, an das Sie sich besonders gern erinnern?

Ja, gerade im letzten Band, „Letze Tänze“, da waren einige sehr gute Gedichte dabei.

Und von den Romanen?

Ja, natürlich die „Blechtrommel“, und sonst eben nicht viel. Ein bisschen ist es wie bei Thomas Mann. Der hat auch mit den „Buddenbrooks“ sein bestes Buch gleich zu Beginn geschrieben. Aber bei ihm kamen dann immerhin noch „Der Zauberberg“, die „Josephs“-Romane, der „Felix Krull“. Das war doch immerhin noch was. Bei Grass ...

Nichts mehr?

Nein, ich will nicht sagen nichts mehr. Aber da kam dann zum Beispiel „Die Rättin“ ...

Na, Sie müssen ja jetzt nicht gleich das schlechteste nennen.

Kein gutes Buch, wirklich kein gutes Buch.

Ich erinnere mich zum Beispiel daran, dass Sie im Fernsehen über seinen Roman „Im Krebsgang“ über den Untergang der „Gustloff“ gesagt haben, Sie hätten bei der Lektüre geweint, so überwältigt waren Sie.

Hm. Ja, das war ganz gut. Kein Meisterwerk, kein geniales Werk. Aber ganz gut geschrieben. Nicht so genial wie die „Blechtrommel“. Die wird bleiben. Weil es so humorvoll ist.

Humorvoll?

Ja, ungeheuer humorvoll. Beinahe auf jeder Seite.

Da müssen wir kurz noch mal an Ihr erstes Urteil über die „Blechtrommel“ erinnern.

Ja.

War nicht so günstig.

Nein, das war sehr ungünstig. Aber ist es falsch?

Sie selbst haben drei Jahre später gesagt, Sie hätten sich geirrt.

Ich habe unterschätzt, dass er doch ein großer Humorist war, ja.

In Ihrer ersten Kritik schrieben Sie, das sei zu formlos, voller Geschichten zwar, aber ungebändigt. Wie Zigeunermusik. Das haben Sie dann zurückgenommen.

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