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Louis Begley über Günter Grass : Was nicht hätte geschrieben werden müssen

  • -Aktualisiert am

Er entkam als junger Mann der NS-Vernichtungspolitik: Der amerikanische Schriftsteller Louis Begley Bild: dapd

Vor sechs Jahren war die Erregung groß, als Günter Grass „Beim Häuten der Zwiebel“ publizierte. Nun macht er mit seinem Gedicht „Was gesagt sein muss“ einfach so weiter.

          Vor fast sechs Jahren, im Sommer 2006, kurz nachdem Günter Grass „seine Zwiebel gehäutet“ hatte, habe ich mich in der F.A.Z. zu Wort gemeldet, um meine Verachtung für den scheußlichen Cocktail aus Scheinheiligkeit und Heuchelei deutlich zu machen. Ich tue es wieder, nachdem er sein „Was gesagt werden muss“ veröffentlicht hat.

          Damals ging es mir nicht darum, dass ein siebzehnjähriger Deutscher aus Danzig knapp vor dem Zusammenbruch des Dritten Reichs beschlossen hatte, der Waffen-SS beizutreten. Einem Jungen in diesem Alter kann man fast alles - außer schwerer Körperverletzung - verzeihen. Bestürzt hat mich, wie ich 2006 schrieb, Grass’ unglaubliche Moralblindheit. Ich fragte mich zum Beispiel, ob er Paul Celan, dem Autor der „Todesfuge“, der „ihm beim Schreiben der Blechtrommel Mut machte und ihm zuhörte, als er daraus vorlas“, wohl erzählt hat, dass er Mitglied der Division „Frundsberg“ der Waffen-SS war.

          Und ob Grass sich überlegt hat, welche Wirkung ein solches Bekenntnis auf Celan haben würde? Wäre Celan nicht „geflohen, so schnell und so weit ihn die Füße getragen hätten, geflohen vor seiner eigenen, plötzlich Fleisch und Blut gewordenen Albtraumvision: der Vision von dem Mann, der spielt mit den Schlangen der schreibt...“ und sich als sein Freund ausgibt? Ich glaube, Celan wäre geflohen, so schnell und so weit er konnte.

          Hat Grass nur eine Sekunde lang nachgedacht?

          Ob Grass über diese Frage nachgedacht hat oder nicht und zu welchem Schluss auch immer er gekommen sein mag, jedenfalls entschied er sich, seinem Freund Celan und seinen Lesern das Bekenntnis seines „Jugendirrtums“ zu ersparen und ganze zweiundsechzig Jahre lang die nützliche Fiktion zu verbreiten, dass er Flakhelfer gewesen sei. Dieses taktvolle Verschweigen hinderte ihn jedoch nicht daran, sich selbst zum deutschen Moralapostel zu ernennen und mal Adenauer zu schelten und mal seiner Nostalgie für die DDR Luft zu machen, wo Christa Wolf und Erich Loest zum Ersatz für die Hitler-Verehrung „sofort mit einer neuen und glaubhaften Ideologie versorgt waren“.

          Eines muss ich kristallklar sagen: Keinem einzigen Aspekt von Benjamin Netanjahus Politik könnte ich zustimmen. Und ich glaube, Günter Grass’ Ansichten in „Was gesagt sein muss“ hätte ich mit einem Achselzucken quittiert, wenn er sie als Leitartikel in irgendeiner Zeitung, die ihn für druckreif hielt, veröffentlicht hätte; in einer Demokratie ist es fair, selbst sehr unqualifizierte und böswillige politische Meinungen zuzulassen, zu diskutieren und zu demolieren. Aber Grass verkleidet seine hochgradig provokante Behauptung: „Die Atommacht Israel gefährdet/ den ohnehin brüchigen Weltfrieden“ als Gedicht und serviert sie uns, ohne zu erwähnen, dass der iranische Präsident und Holocaustleugner wortreich droht, Israel auszulöschen.

          Grass missbraucht die Gedichtform

          Nun ist es so, dass wir aus tief in der Geschichte verwurzelten Gründen Gedichte höher schätzen als Leitartikel oder politische Pamphlete und den Dichtern gern prophetische Gaben zutrauen, die weit über die Fähigkeiten von Leitartikelschreibern hinausgehen. Aber Grass’ Gedicht ist so wenig ein Poem, wie ein Porzellanurinal zum Kunstwerk wurde, nur weil Marcel Duchamps beschloss, es als Wasserspiel auszustellen. Diesmal besteht der eigentliche Skandal darin, dass Grass unter Einsatz der „Atommacht“ seines Namens eine angesehene deutsche Zeitung zur Veröffentlichung dieses billigen Prosatexts bringen konnte, den er als Dichtung verfasst hatte.

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