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Eine Erläuterung : Was Grass uns sagen will

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Lyrischer Etikettenschwindel

Aber das ist es nicht allein. Das ganze Gedicht durchzieht ein Subtext, ein lyrischer Etikettenschwindel, der, wenn man ein paar Begriffe verändert, wie die Schwundform eines Textes eines hellsichtigen Widerstandskämpfers des Jahres 1934 wirkt (der bekanntlich mit einer Ausnahme nie geschrieben wurde). Grass sagt:

1. Ich habe zu lange geschwiegen, aber jetzt schweige ich nicht mehr.

2. Ich habe geschwiegen, aus „Zwang“ und Angst vor Bestrafung („Zwang, der Bestrafung in Aussicht stellt“).

3. Ich wäre angeklagt worden des „Antisemitismus“ (ersetzt semantisch das Wort: Hochverrat).

4. Aber jetzt rede ich, weil geplant ist, ein ganzes Volk auszulöschen.

Hier geht es nicht mehr um Israel und Iran, hier geht es darum, endlich die Chance zu ergreifen, einen Rollentausch vorzunehmen. Natürlich nennt er die deutschen Verbrechen „ureigen“ und „ohne Vergleich“. Aber was er auf der Aussageebene verneint, suggeriert er auf der Assoziationsebene. Die Wortfelder, die Grass aufruft, vom Überlebenden bis zur Auslöschung eines Volkes, was nichts anderes als Holocaust heißt, sind eindeutig. Doch Grass hat noch mehr zu bieten, um sich die Zunge zu lösen, und das ist vielleicht sein stärkstes Stück. Er spricht nicht nur als künftiger Überlebender eines geplanten Völkermords, er sagt auch, was ihn davon abhielt, die „Wahrheit“ auszusprechen:

Weil ich meinte, meine Herkunft,
die von nie zu tilgendem Makel
behaftet ist,
verbiete, diese Tatsache als
ausgesprochene Wahrheit
dem Land Israel, dem ich verbunden bin
und bleiben will, zuzumuten.





Es sind nicht die Handlungen und Gedanken, die ihn zur Verstellung zwangen, sondern die genetische Herkunft. „Herkunft als Makel“ - er sagt nicht: „meine Generation“, „mein Land“, „unsere Geschichte“, „meine Geschichte“, er benutzt den genealogischen Begriff „Herkunft“. Und zwar aus schlichtem Grund. Denn jetzt teilt er auch diese Stigmatisierung mit den wahren Opfern des Rassismus. Gewiss, er sagt nicht, dass er deswegen gejagt und verfolgt wird. Aber den Preis, den er glaubt gezahlt zu haben, ist im dichterischen Kosmos wie ein Todesurteil: Die Herkunft zwang ihn zur Lüge.

Machwerk des Ressentiments

Hat man das Gedicht so weit auseinandergeschraubt, bekommt man es nie wieder zusammen. Nein, das ist kein Gedicht über Israel, Iran und den Frieden. Wie könnte es das sein, wo es den iranischen Holocaust-Leugner als „Maulhelden“ in einer Zeile abtut und gleichzeitig doch ausdrücklich nur geschrieben ist, um Israel zur Bedrohung des Weltfriedens zu erklären?

Es ist ein Machwerk des Ressentiments, es ist, wie Nietzsche über das Ressentiment sagte, ein Dokument der „imaginären Rache“ einer sich moralisch lebenslang gekränkt fühlenden Generation. Gern hätte er, dass jetzt die Debatte entsteht, ob man als Deutscher Israel denn kritisieren dürfe. Die Debatte aber müsste darum geführt werden, ob es gerechtfertigt ist, die ganze Welt zum Opfer Israels zu machen, nur damit ein fünfundachtzigjähriger Mann seinen Frieden mit der eigenen Biographie machen kann.

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