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Kommentar zu Europa-Literatur : Das Geisterkonzil unseres Abendlandes

Verfilmung eines der wenigen gesamteuropäischen Romane: Audrey Hepburn und Mel Ferrer 1956 in King Vidors „Krieg und Frieden“ Bild: picture alliance / United Archiv

Brauchen wir einen dezidierten literarischen Einsatz für europäische Gemeinsamkeit? Nicht nur der Fall Menasse zeigt, wie schwierig der belletristische Umgang mit der EU ist. Dabei hat Europa als literarisches Motiv begonnen.

          Europa ist ein Kind der Literatur, der Name erscheint zuerst in Homers Ilias, da noch als phönizische Prinzessin. Der Geschichtsschreiber Herodot wählte die Bezeichnung dann im fünften Jahrhundert für jene Länder nördlich des Mittelmeers, die nicht zu Asien gehören. Europa als Begriff ist historisch also mehr Resultat einer Abgrenzung als einer Eigenbestimmung. Auch bei Enea Silvio Piccolomini, dem Sekretär Kaiser Friedrichs III., der nach der Einnahme Konstantinopels 1453 durch die Türken als Erster in der Neuzeit „Europa“ wieder politisch gebrauchte: als Beschwörung des christlichen Zusammenhalts gegen den vorrückenden Islam. Ein Feindbild schafft verlässlich Identität.

          Umso verblüffender war die erfolgreiche Etablierung eines friedlichen paneuropäischen Kulturzusammenhangs im zwanzigsten Jahrhundert, der wieder durch die Literatur geleistet wurde. Der Romanist Ernst Robert Curtius hat 1948 sein Buch „Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter“ darüber verfasst: In der antiken Tradition der Rhetorik sah er die Begründung einer völkerübergreifenden geistigen Gemeinsamkeit, die auch die spätere politische Spaltung durch die Nationenbildung überstehen, im Idealfall überwinden würde.

          Die Europäischen Gemeinschaften und die heutige EU haben dann aber einen ökonomischen Weg statt des kulturellen Pfads zur Zusammenarbeit gewählt. Die gemeinsame geistige Herkunft der europäischen Völker aus Antike und Christentum wird jedoch weiterhin gern geltend gemacht. Auch durch Schriftsteller, jenes „Geisterkonzil unseres Abendlandes“, wie Curtius 1934 schön doppeldeutig die intellektuelle Europa-Diskussion der damaligen Zwischenkriegszeit bezeichnet hatte. Wieder war eine Abgrenzung bestimmender Faktor für den Europa-Gedanken geworden: seinerzeit gegenüber der neuen Weltmacht Amerika. Eine positive Bestimmung Europas schien erstmals möglich, als man sich nach 1945 diese Abgrenzung politisch nicht mehr leisten konnte. Die Vereinigten Staaten waren nunmehr der Retter. Doch die Systemkonkurrenz auf dem Kontinent führte zu einer neuen Abgrenzung: Europa, das war fortan nur noch Westeuropa.

          Keins ohne das andere

          Dagegen hätte nun wieder die Literatur, zumal die deutsche, anschreiben können, als belletristisches Gegengewicht zum Bellizismus. Sie tat es nicht, zumindest nicht mit Romanen. Reichlich dagegen gab es Essays von Schriftstellern über europäische Gemeinsamkeiten wie etwa Hans Magnus Enzensbergers berühmte Reportagensammlung „Ach Europa!“ von 1987. Darin wurde das bürokratisch begründete Einigungswerk der EU kritisiert, und Enzensberger spitzte seine Thesen zwei Jahre später, im Epochenjahr 1989, noch zum Titel eines weiteren Essays zu: „Brüssel oder Europa – Eins von beidem“.

          Unausgesprochen war es diese Opposition, gegen die Robert Menasse, zuvor noch ein Parteigänger Enzensbergers, nach einem längeren Aufenthalt in Brüssel mit seinem 2012 erschienenen Essay „Der Europäische Landbote“ und dann 2017 mit seinem Roman „Die Hauptstadt“ angeschrieben hat. Man könnte die Leitthese beider Bücher als „Brüssel und Europa – Keins ohne das andere“ formulieren.

          Nur zwei gesamteuropäische Romane von Rang

          Menasses entschiedenes Plädoyer für die EU ist mittlerweile durch seinen laxen Umgang mit der Wahrheit in Verruf geraten. Die im Roman ausgebreitete Fiktion einer Antrittsrede des ersten Kommissionsvorsitzenden Walter Hallstein in Auschwitz mochte als moralischer Quasi-Gründungsakt der Europäischen Gemeinschaften dramaturgischen Witz haben, doch Menasse gab seine Erfindung in öffentlichen Auftritten als Wahrheit aus. Damit war sie nicht mehr Gegenstand literaturkritischer Erörterung, sondern historiographischer. Die Fälschung war rasch entlarvt und damit auch Menasses literarischer Zugriff auf die EU kontaminiert. Auf den nächsten deutschsprachigen EU-Roman werden wir wohl lange warten müssen.

          Das mag jedoch gut so sein, denn wie gerade der Roman „Die Mauer“ des englischen Schriftstellers John Lanchester beweist, ist ein heißes politisches Eisen – in diesem Fall der Brexit – nicht notwendig in eine reizvolle Fiktion umzuschmieden. Deshalb die vielen Essays und die wenigen Romane zu Europa. Ältere Schriftstellergenerationen wussten ohnedies, wie schwer es sein würde, mit der aus dem Entstehen der Nationalkulturen geborenen Erzählform des Romans gesamteuropäische Phänomene darzustellen. Nicht umsonst hat der italienische Literaturwissenschaftler Franco Moretti, immerhin Verfasser eines „Atlas des europäischen Romans“, nur zwei Beispiele für berühmte Bücher gefunden, die das Gesamteuropäische auch erzählerisch über ihre Figurenwahl einlösten: Tolstois „Krieg und Frieden“ und Thomas Manns „Zauberberg“. Man hat es eben nicht nur in der Politik nicht leicht mit diesem Kontinent.

          Doch brauchen wir überhaupt einen dezidierten literarischen Einsatz für Europa? Ist nicht vielmehr jeder gelungene Roman über irgendein europäisches Land ein willkommener Mosaikstein bei der Ausschmückung des vielbeschworenen „gemeinsamen Hauses“? Und nicht mehr als das: Europa hat zwar als literarisches Motiv begonnen, es ist trotz aller Krisen dankenswerterweise weit darüber hinaus.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

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