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Das Gebet der Verena Becker : Ausfahrt der bösen Geister

7. April 1977: Polizeibeamte bedecken Siegfried Bubacks Leiche Bild: AP

Nach Presseberichten waren für die Verhaftung der ehemaligen Terroristin Verena Becker auch Notizen von Belang, in denen sie sich fragte, ob sie für Buback beten solle. Es wäre ein Fall für einen Dostojewski der Bundesrepublik.

          Hoffen wir auf einen Dostojewski der Bundesrepublik. Denn nur einem Schriftsteller, der im terroristischen Verbrechen und seinen Folgen mehr als eine psychologische, soziologische oder mentalitätsgeschichtliche Angelegenheit sieht, wäre es gegeben, die neue Wendung im Mordfall Siegfried Buback zu deuten.

          Lorenz Jäger

          Freier Autor im Feuilleton.

          Verena Becker, die Frau, die für den Mord an Buback am 7. April 1977 als Täterin in Frage zu kommen scheint, wurde vor wenigen Tagen erneut in Haft genommen. Nach Presseberichten waren für die Verhaftung auch Notizen von Belang, in denen sich Verena Becker fragte, ob sie für Buback beten und wie sie sich mit dem Thema Schuld auseinandersetzen solle. Aber nicht kriminaltechnische oder juristische Fragen sollen uns hier interessieren. Sondern ein Signal - zugegeben: ein schwaches -, das Signal des Gebets.

          Es ist, so viel muss man Verena Becker zugestehen, eine angemessene Frage, die ihre Notizen stellen, ja fast die einzige jenseits der gerichtlichen Klärung. Und sofort erhält man, von völlig unverhoffter Seite, einen Wink zum Wesen des Gebets. Wie schief und lächerlich wäre es doch gewesen, hätte sie etwa angegeben, für Buback meditieren zu wollen. Gebet bedeutet: Eintritt in eine Sphäre des größeren, unausweichlichen Ernstes.

          Das Zögern der Lauen

          Hier ist der Moment, wo Dostojewski der Sache näherkommt; fast hätte er - und nur er - diese Wendung erfinden können. Auch der russische Schriftsteller war Zeuge von terroristischen Taten einer kleinen Gruppe. Sie gingen von einem gewissen Netschajew aus, einem Vertrauten des Anarchisten Michail Bakunin. Geplant waren Mordaktionen gegen Vertreter des zaristischen Regimes; am Ende war das einzige Opfer ein junger „Verräter“ aus der eigenen Gruppe.

          Der Roman, den Dostojewski schrieb, hieß in der deutschen Übersetzung lange Zeit „Die Dämonen“. Er schildert eine nihilistische Gruppe, die sich der Gewalt verschrieben hat. Vor allem aber ihr Umfeld: den wohlmeinenden, untätigen, phlegmatischen Liberalismus jener Älteren, die nichts bemerken oder bemerken wollen. Das Zögern der Lauen, die „an sich“ mit den Zielen der Nihilisten Sympathie empfinden, denen es aber zu schnell geht. In der neuen Übersetzung von Swetlana Geier heißt der Roman „Böse Geister“. Damit ist der theologische Glutkern angesprochen.

          Dostojewski hatte seinem Roman eine Passage aus dem Evangelium des Lukas vorangestellt: „Da fuhren die Teufel aus von dem Menschen, und fuhren in die Säue; und die Herde stürzte sich von einem Abhang in den See und ersoff.“ Man muss an diese Stelle denken, wenn man liest, welchen - positiv gemeinten - Titel der Anarchist Fritz Brupbacher seiner Bakunin-Biographie gab: „Der Satan der Revolte“. Vermutlich ist die Selbstermächtigung einer Gruppe, über Leben und Tod anderer frei zu entscheiden, ohne eine wie auch immer verschwiegene Berufung auf Satan, den ersten aller Autonomisten, nicht denkbar. Als „ewigen Rebellen, ersten Freidenker und Weltenbefreier“ feierte Bakunin den Satan in seinem Werk „Gott und der Staat“.

          Die Untat schweißt zusammen

          Aber hier ist auch der Moment, an dem der aufgeklärten Öffentlichkeit der Bundesrepublik die Analyseinstrumente ausgehen. Jan Philipp Reemtsma, einer der hervorragendsten Vertreter dieser Öffentlichkeit, hatte schon vor einigen Jahren die „Dämonen“ mit dem Blick auf den deutschen Terrorismus neu gelesen. Aber so scharfsinnig und in vielem treffend er die Parallele entwickelte, so sehr blendete er die Dimension aus, die sich jetzt zögernd in den Aufzeichnungen von Verena Becker anzudeuten scheint.

          Reemtsma sprach als Sozialwissenschaftler, er konnte nicht anders sprechen. Was er sah, war der schon von Dostojewski beschriebene Wunsch nach Gruppenbildung und Abgrenzung: „Die Gruppe selbst aber muss an sich glauben und aus diesem Glauben Kohärenz gewinnen.“ Die Untat, so das gruppendynamische Fazit von Reemtsma, schweiße die Verschworenen nur enger zusammen. Dostojewski, so schrieb er damals, „verweigert sich konsequent allen Versuchen, die Existenz und die Aktivitäten von terroristischen Gruppen aus irgendwelchen politischen Absichten heraus zu erkennen. Vielmehr deutet er die terroristische Gewalt als Lebensform einer Gruppe.“ Dies muss das letzte Wort der Aufklärung sein.

          Bei Lukas, den Dostojewski zitiert, endet die Geschichte anders. Sie „fanden den Menschen, von dem die Teufel ausgefahren waren, sitzend zu den Füßen Jesu, bekleidet und vernünftig, und sie erschraken“.

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