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NSU-Prozess als Radiostück : Das große Staatsversagen

Fensterlos und abgeschottet von der Außenwelt: Im Saal A 101 des Münchner Oberlandesgerichts warten die Anwesenden am 11. Juli 2018 auf den Urteilsspruch. Bild: AFP

Ein zwölfstündiges Dokumentarhörspiel rekonstruiert den NSU-Prozess anhand von Originalprotokollen. Die Tiefenbohrung in den rechten Terror sollte gehört werden – vor allem in der Schule.

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          Sie weint nicht. Sie schreit nicht. Sie fragt mit ruhiger Stimme: „Können Sie einschlafen, wenn Sie den Kopf auf das Kissen legen? Ich kann selbst nach elf Jahren nicht einschlafen. Denn ich vermisse meinen Sohn so sehr.“ Ayse Yozgat trennen in diesem Moment im Münchner Gerichtssaal 101 keine fünf Meter von der Mörderin ihres Sohnes. Halit Yozgat war das neunte der zehn Opfer des Nationalsozialistischen Untergrunds NSU – und das jüngste. Er war einundzwanzig, als er am 6.April 2006 in seinem Internetcafé in Kassel mit einer Česká ČZ83 kaltblütig erschossen wurde – wie acht weitere Männer zuvor. Dass sie doch auch eine Frau sei, sagt Halits Mutter im Gerichtssaal zu der Täterin, und deshalb verstehen müsse, dass sie das wissen muss. Warum das alles geschehen sei. „Befreien Sie mich von diesen Gefühlen.“

          Sandra Kegel
          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Die Angesprochene, Beate Zschäpe, die zunächst zweieinhalb Jahre im Gerichtssaal geschwiegen hatte, wird nach 438 Prozesstagen in einer letzten Aussage nicht nur das Gericht, sondern auch die Angehörigen der Opfer bitten, nicht stellvertretend verurteilt zu werden „für etwas, was ich weder gewollt noch getan habe“.

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