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Kultur in Zeiten von Corona : Wir haben keine Erfahrung mit dem Mangel

Die Berliner Kultur schließt wegen des Coronavirus ihre Pforten: An der Staatsoper wird es vorerst keine Vorstellungen mehr geben. Bild: dpa

Sicherheit geht vor: Das kulturelle Berlin sagt unzählige Veranstaltungen ab und rüstet sich für eine Zeit im Zeichen des Coronavirus. Die wohlstandsgesättigte Gesellschaft reagiert darauf verstört.

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          Wir hielten uns für unverwundbar. An Bedrohungen mangelt es nicht – Klimawandel, Digitalisierung und Migration gehören zu den großen Reizthemen, die einen Epochenwandel markieren könnten und die Gesellschaft in chronischen Stress versetzen. Aber im Erleben des Einzelnen bleibt all das weitgehend abstrakt – sogar dann, wenn es dazu eine starke Meinung gibt, weil es den eigenen Alltag nicht oder nur kaum beeinträchtigt und jeder weiterhin seinen eigenen Gewohnheiten nachgehen kann. Mit der Corona-Epidemie gerät dieses Selbstverständnis ins Wanken. Sie konfrontiert die wohlstandsgesättigte Gesellschaft mit Verordnungen, welche in ihre Freiheit eingreifen und die bis dahin unvorstellbare Möglichkeit aufzeigen, es könnte uns nicht immer alles zur Verfügung stehen, was wir gerade konsumieren und erleben wollen.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Berlins Kultur gab sich anfangs gelassen. Doch jetzt ist auch in der Hauptstadt die neue Realität angekommen. Nachdem Kultursenator Klaus Lederer am Dienstagabend angeordnet hatte, alle großen Säle in staatlichen Theatern, Opern und Konzerthäusern bis zum Ende der Berliner Osterferien zu schließen, folgten auch manche kleinere Bühnen dem Aufruf. Renommierte Spielstätten wie Deutsches Theater, Komische Oper, Staatsballett, Volksbühne und Friedrichstadtpalast machen in Teilen oder vollständig vorerst ihre Pforten dicht. Die Staatsoper plant, einige ihrer Aufführungen im Internet zu übertragen. Die Schaubühne hat ihr „Festival Internationale Neue Dramatik“ abgesagt, die Berliner Festspiele streichen alle Veranstaltungen der kommenden sechs Wochen.

          Schon fordern der Deutsche Kulturrat und Abgeordnete der Grünen einen „Aktionsplan“, der mit finanziellen Hilfen die bedrohte Existenz von kleineren Kulturbetrieben und freien Künstlern retten soll. Auch die Clubbetreiber fürchten, das Coronavirus könnte sie in den Ruin treiben. Die Clubkommission Berlin teilt mit, sie habe eine „Task Force“ gegründet, die eine weitere Ausbreitung des Virus verhindern soll. Sie empfiehlt den Clubs, die Gästeauslastung auf siebzig Prozent zu reduzieren, und hält auch eine vorübergehende Schließung für möglich. Das allerdings, glauben die Betreiber, würde zur Insolvenz der meisten Clubs führen.

          Die Gesellschaft ist überfordert mit Verzicht

          Nicht jeder hat Verständnis für diese Maßnahmen. Auch in der lokalen Berichterstattung wurde Kritik laut, ob es wirklich nötig sei, renommierte Clubs so zu „gängeln“, dass sie schließen müssten. Doch wer so argumentiert, verkennt, dass nicht Berlins Ruf als Partymetropole auf dem Spiel steht, sondern die Gesundheit der Menschen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis das Verbot von Großveranstaltungen ab tausend Personen auch in Berlin verhängt würde. Seit gestern ziehen auch die Universitäten nach. Der Semesterstart der Berliner Universitäten und Hochschulen wird auf den 20. April verschoben; mit einer weiteren Verschiebung wird gerechnet. Die Humboldt-Universität sagte bereits Veranstaltungen ab, die Technische Universität schließt ihre Bibliotheken. Derweil häufen sich auch bei anderen Kulturinstitutionen wie der Akademie der Künste, dem Wissenschaftskolleg und einigen Gedenkstätten die Absagen. Vier Berliner Schulen sind laut Bildungsverwaltung vorübergehend geschlossen.

          Erst langsam werden die Konsequenzen der Pandemie im Stadtbild sichtbar. Kaum jemand würde bestreiten, dass sie unumgänglich sind. Und doch verstören sie zutiefst. Diese Gesellschaft hat keine Erfahrung mit Mangel und erzwungener Enthaltsamkeit. Und sie zeigt nicht gerade ihre besten Seiten, wenn sie auf die neue Situation mit Verschwörungstheorien, irrationaler Angst und egoistischen Hamsterkäufen reagiert. Der Umgang mit dem Coronavirus demonstriert mehr als jeder Massenansturm auf ein gerade begehrtes Konsumobjekt, wie sehr die Gesellschaft den Kapitalismus einverleibt und mit ihrer Identität verknüpft hat – und wie hilflos sie schon dasteht, wenn das System nur vorübergehend löchrig wird.

          Die Verstörung ist so groß, dass andere Krankheiten völlig aus dem Blick geraten. „Wer zählt die Grippetoten im Moment?“, fragte kürzlich der Risikoforscher Gerd Gigerenzer im ZDF. Fast unbemerkt blieb in diesen Tagen eine Eilmeldung, die in anderen Zeiten als großer medizinischer Fortschritt gefeiert worden wäre: Ein zweiter Patient ist sehr wahrscheinlich endgültig vom HIV-Virus geheilt worden.

          Corona aber wird die Kultur vorerst dominieren. Das öffentliche Leben in Berlin beginnt sich in einer Weise zu ändern, die wir in den Nachkriegsgenerationen nicht kennen. Es bleibt die Hoffnung, das Virus könnte sich nach und nach zurückziehen, wenn es wärmer wird – doch das konnten Virologen bislang noch nicht bestätigen.

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