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Selbstverständnis Kaliforniens : Feuer im Paradies

  • -Aktualisiert am

Ausgebranntes Haus in Paradise Bild: John Locher/AP/dpa

Die ökologische Katastrophe ereignet sich dort, wo Zukunft, Zuversicht und Happy Endings produziert werden: Ist der kalifornische Geist noch zeitgemäß? Ein Gastbeitrag.

          6 Min.

          Die Stadt Paradise könnte keinen passenderen Namen haben. Und das Feuer von Malibu hätte sich keinen passenderen Ort aussuchen können. Der gigantische Waldbrand, der Nordkalifornien heimsucht, ist an der Camp Creek Road ausgebrochen, deshalb heißt er Camp Fire, nicht Paradise Fire. Das Paradies ist abgebrannt. Und die Bilder aus Malibu, von Pferden und Ponys, die am Strand in Sicherheit gebracht wurden, während hinter ihnen die tiefschwarzen Rauchschwaden zum Ozean ziehen, zeigen, wie empfindlich die Waldbrände das kalifornische Selbstbild treffen, im idyllischen Malibu wie auch im umweltbewussten Nordkalifornien.

          Sie zeigen, was passiert, wenn dieses Selbstbild kollidiert mit einer immer unausweichlicher wirkenden Katastrophe von planetarischem Ausmaß. In den Wellen von Malibu, so schrieb Eve Babitz einmal, hätten die Kinder von Los Angeles gelernt, „den Tod zum Spielzeug zu machen“. Joan Didion, die lange an dieser Küste lebte, schrieb, dass Kalifornien keine herkömmlichen Jahreszeiten habe, aber eben doch „die Zeit, in der das Feuer kommt“ und „die Zeit, in der der Regen kommt“. Die kalifornischen Jahreszeiten, so Didion, „erzählen von der Violenz, aber nicht unbedingt vom Tod“. Dieses Urteil muss man jetzt revidieren: Die Brände haben etwas von Endspiel, vom Finalen, vom unwiederbringlich Verlorenen. Jahrzehntelang hat an diesem Strand die ewige Jugend gebadet, und nun meldet sich der Tod zurück: et in arcadia ego.

          Wo die Surfer den Tod besiegten, lodern die Flammen

          Das Camp Fire im Norden hat mehr als sechzig Tote gefordert, der schwerste Waldbrand in der Geschichte des Staates. Zehntausende sind weiterhin evakuiert, mehr als zehntausend Häuser sind nur noch Asche. Die vorherrschenden Winde drücken den Ruß ausgerechnet in die bevölkerungsreichsten Gegenden Nordkaliforniens, nach Sacramento und in die San Francisco Bay Area, in der sich der Rauch staut. Ein dichter gelber Dunst liegt über der Bucht. Morgens kann man in San Francisco die Angestellten von Google und Facebook dabei beobachten, wie sie mit Mundschutz auf ihre Busse warten. Auch sie, die von sich behaupten können, die neue digitale Welt zu bestimmen, Industrien schaffen oder stürzen zu können, müssen den Gestank, den tränentreibenden Rauch über sich ergehen lassen.

          Paradise City am Donnerstag, von oben gesehen

          Entsprechend hilflos wirkte die Unterstützungsgeste Elon Musks. Der Internetmilliardär empfahl den Betroffenen die Flucht in die von ihm gebauten Tesla-Autos. Deren Filter würden die Luft auf Klinikniveau reinigen, was bei Menschen mit Lungenbeschwerden tatsächlich lebensrettend sein könnte. Naturgemäß hagelte es jede Menge Spott: Empfahl hier ein Milliardär ein Auto für Millionäre allen Ernstes als Lösung für eine Stadt, in der das mittlere Familieneinkommen ungefähr zwei Drittel von dem bemisst, was ein Tesla kostet?

          Musk trifft mit solchen Aussagen jedes Mal einen Nerv, weil er auf eine für das Silicon Valley typische Weise Hemdsärmeligkeit und Weltfremdheit paart. Sein Tesla-Vorschlag mag nicht eben praktikabel gewesen sein, aber sein Impuls verweist auf einen viel bedeutenderen blinden Fleck der Tech-Industrie: Sie erkennt schlicht wenig Bestehendes an, denkt, an allem könnte und sollte man rütteln. Das macht sie häufig sehr sympathisch, aber in Momenten wie diesem zeigt sich, wie beschränkt und wie unzeitgemäß solches Denken auch sein kann.

          Insofern ist es durchaus bedeutsam, dass in Malibu die Villen der Filmstars, die Sets der HBO-Serien und das Haus, in dem der Reality-Hit „The Bachelor“ gefilmt wird, in Flammen stehen, während über den Hauptquartieren der Weltverbesserer aus dem Silicon Valley die Rauchschwaden des Camp Fire hängen. Denn mit Nordkalifornien und Südkalifornien, mit dem Silicon Valley und Hollywood, konfrontieren die Waldbrände nicht nur die weltgrößten Produzenten von virtuellen Welten mit der Realität. Sie konfrontieren auch die Weltmarktführer in Machbarkeitsphantasien mit einem harten, unerbittlichen Limit.

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