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Kleptokratie im Kreml : Putin-Verstehen für Fortgeschrittene

  • -Aktualisiert am

Wladimir Putin Ende Februar in Moskau Bild: AFP

Erst sollte ein Buch über die Kleptokratie des Kremls gar nicht erscheinen, jetzt soll es das zumindest nicht auf Deutsch geben. Welche Rücksichten werden da genommen? Oder ist Angst im Spiel? Ein Gastbeitrag.

          Angloamerikanische Universitätsverlage lösen selten Buchverträge auf. Noch seltener tun sie dies bei ihren Stammautoren aus der Wissenschaft. Wahrscheinlich hat noch nie eine altehrwürdige University Press einen Vertrag für eine Monographie aufgelöst, weil sie fürchten musste, vom Untersuchungsgegenstand unter Ausnutzung der britischen Verleumdungsgesetze in den Bankrott prozessiert zu werden.

          Genau das ist aber bei der 1534 gegründeten Cambridge University Press passiert. Der immer noch nicht letztgültig abgeschlossene Fall liegt schon etwas zurück. Es geht um Karen Dawishas Buchprojekt „Putin’s Kleptocracy. Who Owns Russia?“ Dawisha, eine der bekanntesten amerikanischen Osteuropa-Politologinnen, die an der Miami University im Bundesstaat Ohio lehrt, hatte schon sieben Bücher bei Cambridge herausgebracht. Auch für ihr Werk über die Korruption Putins hatte sie einen Vertrag unterzeichnet.

          Zu geringe „Risikotoleranz“

          Am 20. März 2014 erhielt Dawisha einen Brief vom Verlag, in dem es hieß: „Nach Beratung mit den Kollegen aus der Rechtsabteilung, die das Manuskript sowohl aus amerikanischer als auch aus britischer juristischer Perspektive überprüft haben, muss ich Ihnen leider mitteilen, dass wir uns nicht imstande sehen, Ihr Buch zu veröffentlichen. Unsere Entscheidung hat nichts mit der Qualität Ihrer Forschung oder Ihrer wissenschaftlichen Glaubwürdigkeit zu tun. Es handelt sich schlicht um eine Frage der Risikotoleranz angesichts unserer beschränkten Ressourcen.“ Dawisha merkte sarkastisch an, unter diesen Bedingungen hätte wahrscheinlich „selbst die King-James’-Version (der Bibel) außerhalb des Vereinigten Königreichs erscheinen müssen“. Sie veröffentlichte ihre Korrespondenz mit Cambridge im „Economist“.

          Mit Simon & Schuster fand sich dann ein amerikanischer Publikumsverlag, dessen „Risikotoleranz“ dank des Mutterunternehmens CBS Corporation, eines der weltgrößten Medienkonglomerate, ausreichte. „Putin’s Kleptocracy“ erschien im Herbst 2014 und wurde zum Bestseller.

          Was war so anstößig an dem Buch? Dawisha weist nach, wie Putin sich und seinen inneren Zirkel in Sankt Petersburg zwischen 1990 und 1996 durch Abzweigen von Staatsfinanzen bereicherte.Wie er, sobald dies aufflog, die vielen Gerichtsverfahren und parlamentarischen Untersuchungsausschüsse behinderte. Wie er sich im März 2000 die Präsidentschaft Russlands durch Fälschung und Manipulation erschlich und wie er, kaum im Kreml installiert, bis Ende des Jahres 2000 die Pressefreiheit zerstörte, die Gewaltenteilung schwächte, seine eigenen Leute in die Schlüsselpositionen von Staat und Wirtschaft bugsierte, die Oligarchen auf Linie brachte und sie zu Abgaben an sich und seinen Clan zwang.

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