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Kleptokratie im Kreml : Putin-Verstehen für Fortgeschrittene

  • -Aktualisiert am

Dawisha arbeitet mustergültig: Sie zitiert genau, wägt Echtheitsplausibilitäten ab, trennt wasserdichte Fakten von Spekulationen. Und sie fördert einige Sensationen zutage. Die Wucht ihres Buches rührt allerdings daher, dass sie in mühevoller Kärrnerarbeit die riesige Menge an Quellen sortiert, für den Leser nachvollziehbar geprüft und in ein benutzerfreundliches Narrativ gefügt hat. Diese Quellen sind: die Print- und Internetpublikationen des investigativen russischen Journalismus; Gerichtsakten, etwa aus dem Oligarchenprozess Beresowski gegen Abramowitsch in London 2012; die Dokumente der Untersuchungsausschüsse des Petersburger Stadtparlaments der neunziger Jahre; geheime Mitschnitte von Gesprächen und Treffen, auch aus Wikileaks sowie eigene Interviews, viele davon vertraulich.

Die Vita Putins

Man muss die Stationen von Putins Biographie kennen. Geboren 1952, im KGB wahrscheinlich seit 1975, KGB-Residentur in Dresden von 1985 bis 1990, verschiedene Positionen, zuletzt als erster Vize, in Sankt Petersburg bei Bürgermeister Sobtschak von 1990 bis zu dessen Abwahl 1996, danach in Moskau. Dort in diversen Regierungsämtern, von 1998 bis 1999 Chef des Geheimdienstes FSB, vom 9. August bis zum 31. Dezember 1999 Ministerpräsident unter Präsident Jelzin. Vom 31. Dezember 1999 bis zum 26. März 2000 amtierender Präsident, seither, mit Unterbrechung von 2008 bis 2012, russischer Präsident.

Zu ersten Wirtschaftsskandalen kommt es 1991 in St.Petersburg, als Putin, damals Leiter des städtischen Komitees für Außenbeziehungen, einen Vertrag für den Ankauf von deutschem Fleisch im Wert von neunzig Millionen D-Mark unterzeichnete – es gab kurz vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion Versorgungsengpässe. Diese Summe verließ die Stadt, die Fleischlieferung traf jedoch nie ein. In Putins Petersburger Zeit fiel auch die Vergabe von Glücksspiel-Lizenzen, die städtische Beteiligung an Casinos sowie vielfältige Verbindungen zur russischen Mafia. Aufgebaut wurde das verschachtelte „sistema“ aus Scheinunternehmen, Firmenbeteiligungen und Offshorekonten nicht von Putin allein, sondern mit Hilfe seines inneren Zirkels, den er sich vor allem, aber nicht nur, aus dem KGB zusammensuchte.

Der Kreis der Loyalen

Es sind Männer, die bis heute Russlands Geschicke lenken: vom engsten Getreuen Igor Setschin, einem Falken, bis zu den wirtschaftsliberaler gesinnten Alexej Kudrin und German Gref. Alle profitieren von einem Tributsystem, dem Putin als „Capo di tutti i capi“ vorsteht, alle bezahlen mit Loyalität. Auch die Oligarchen müssen Abgaben an die politische Elite entrichten, Loyalität garantieren. In der Provinz setzt sich das System in kleinerem Maßstab fort. Wenn jemand ausschert, wird Gewalt angewendet. Putins Weg säumen nicht nur Einschüchterungen, Erpressungen, Verhaftungen, nicht nur die Flucht von Gegnern ins Ausland, sondern Leichen – durch Auftragsmorde, radioaktive Vergiftungen, mysteriöse Verkehrsunfälle. Die russische Geschichte des letzten Vierteljahrhunderts sieht bei Dawisha weniger wie eine unglückliche Verkettung von Umständen aus, die die junge Demokratie erodieren ließ. Vielmehr wurde konsequent ein autoritäres Regime errichtet.

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