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Gedenk-Kunst von Danny Boyle : Die Gesichter der Toten im Sand

  • -Aktualisiert am

Porträt der Krankenschwester Rachel Ferguson, die im Juni 1918 im Ersten Weltkrieg ums Leben kam. Bild: Reuters

Bekannt geworden ist Danny Boyle mit seinem Film „Trainspotting“. Jetzt hat der Regisseur sich eine Gedenkaktion ausgedacht. Er malt die Gesichter Gefallener des Ersten Weltkriegs auf den Strand. Hunderte machen mit.

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          Gedenken ist in Folkestone überall in Stein gemeißelt oder in Bronze gegossen. Beide Weltkriege haben den Badeort an der englischen Südküste gezeichnet, dessen Stuckreihenhäuser an Glanzzeiten im späten neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert erinnern. Im Ersten Weltkrieg haben Millionen von Soldaten von hier nach Frankreich übergesetzt.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Für viele von ihnen sollte es der letzte Blick auf die Heimat sein. Zu ihnen gehörte der Dichter Wilfred Owen, der mindestens zweimal von Folkestone aus an die Front reiste, zuletzt im August 1918. Am 4. November ist er im Alter von 25 Jahren bei Ors am Treidelpfad des Sambre-Oise-Kanals gefallen. Die Kirchglocken läuteten zur Feier des Waffenstillstands, als das Telegramm mit der Nachricht seines Todes die Eltern am 11.November erreichte.

          Owens Leben und seine Lyrik sind emblematisch geworden für die Erbärmlichkeit des Krieges. Hundert Jahre später stehen Männer und Frauen beim Morgengrauen auf dem windgepeitschten Strand von Folkestone und gravieren mit Harken das Antlitz von Wilfred Owen in den Sand. Es ist eines von mehreren Sandporträts von Opfern des Krieges, die an diesem Tag im Wettlauf mit der Flut an zweiunddreißig Küstenstreifen Britanniens und Nordirlands geschaffen werden, während in Westminster die förmlichen Gedenkveranstaltungen vonstattengehen. Kaum dass die wie Fotonegative wirkenden Gesichter fertiggestellt sind, beginnen die Wellen an ihnen zu nagen. Im Nu hat sich die Natur ihr Terrain zurückerobert.

          Die als eine Art Ode an die Vergänglichkeit konzipierte Aktion ist das Geisteskind des Filmemachers Danny Boyle, von dem man sich offenbar erhofft hatte, dass er den nationalen Nerv genauso wirksam treffe wie vor sechs Jahren mit seiner Inszenierung der Eröffnungsfeier für die Olympischen Spiele von London.

          Die Gedenk-Aktion von Danny Boyle fand an diesem Sonntag an vielen Stränden statt. Hier in Murlough, Irland.

          Im Sinne seiner linksliberalen politischen Überzeugungen hat Boyle die Küsten als Bühne für seinen Tribut an die „wahren Helden“ gewählt, weil Strände „dramatische, ungebärdige und demokratische Plätze“ seien und die Gemeinschaft sich dort beteiligen könne. Während die Sandkünstler in Folkestone mit dem Regen ringen, prägen ganze Familien denn auch dem Sand mit Schablonen reihenweise die Umrisse von Soldaten auf, die Schattenbildern des Todes gleichen.

          Bei diesen „wahren Helden“ handelt es sich meist um einfache Männer und Frauen, wie den Fußballspieler William Tull, der als erster schwarzer Offizier der britischen Armee in die Geschichte eingegangen ist, oder Dorothy Mary Watson, eine achtzehn Jahre alte Munitionsarbeiterin aus Swansea, die bei einer Explosion getötet wurde. Boyle hat die Hofdichterin Carol Ann Duffy beauftragt, ein Gedicht zu schreiben, dem der Name des Projektes, „Pages of the Sea“, entlehnt wurde. In Worten, die durch Wilfred Owen inspiriert sind, beschreibt Duffy die Wunde in der Zeit, die von der Gezeitenströmung der Jahrhunderte nicht geheilt werden kann: „Die Geschichte könnte genauso gut Wasser sein, welches diesen Strand züchtigt; denn wir lernen nichts von eurem endlosen Opfer; eure Gesichter ertrinken in den Seiten des Meeres.“

          Diese Klage erklingt refrainartig in den öffentlichen Lesungen, die im Laufe des Tages landauf, landab wiederholt werden. Im Unterschied zum Zweiten Weltkrieg, der in Großbritannien gern als heroischer Kampf gegen die Diktatur verherrlicht wird, hat sich nicht zuletzt durch die Dichter das Bild des Ersten Weltkrieges als sinnloses Opfer bewahrt.

          Im Gedenken an die Opfer des Krieges: Danny Boyle bei der Vorstellung seines Projekts.

          Dagegen wehren sich vor allem konservative Stimmen, wie der Kolumnist und Thatcher-Biograph Charles Moore, der unlängst meinte, Carol Ann Duffy verstehe den Waffenstillstand nicht richtig, weil sie nicht akzeptiere, dass der Jahrestag einen Sieg markiere. Deutschland habe unterschreiben müssen, weil England, Frankreich und die Vereinigten Staaten gewonnen hätten. „Als wir den Zweiten Weltkrieg ebenfalls gewannen, haben wir mit den Feiern am 11.November weitergemacht, weil wir die Kontinuität erkannt haben.“

          Das ist der Geist, aus dem der Brexit geboren ist. Er steht wie die im Zeichen des gemeinsamen Gedenkens stehende Feier in Westminster in krassem Widerspruch zu den Gedanken, die Owen im Schützengraben beschäftigten, als er über den christlichen Glauben grübelnd fragte, ob der Bibel-Spruch „Niemand hat größere Liebe, denn die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde“ bloß auf Englisch oder Französisch gesprochen werde. „Ich glaube es nicht“, schrieb er im Mai 1917 und schloss daraus, dass man daran sehe, dass sich das reine Christentum nicht mit dem reinen Patriotismus vertrage. Um elf Uhr morgens ist das Sandporträt Wilfred Owens fast verschwunden. Aber seine Worte sind geblieben als ständige Mahnung.

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