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Geopolitik und ihre Geschichte : Sind wir wieder im 19. Jahrhundert?

  • -Aktualisiert am

Europa gebacken kriegen: Jeder nimmt sich ein Stück vom Kontinent, je nach geopolitischem oder polit-ökonomischem Appetit ein größeres oder kleineres. Bild: Thomas Lohnes

Deutschland allein und mächtig in der Mitte, Russland offensiv, Europa insgesamt gespalten: Welche Lehren für die gegenwärtige Lage können wir aus der Weltgeschichte der Geopolitik ziehen? Ein Gastbeitrag.

          6 Min.

          Ein Gespenst geht um in Europa - das Gespenst der Geopolitik. Unmerklich, gleichsam schleichend, ergreift es Besitz von Sprache und Begriff. Solch semantische Infiltration ist nicht folgenlos. Sie geht mit der Absicht einher, Wirklichkeit politisch zu gestalten. Zwei Tendenzen greifen ineinander: die mit dem Ende des Kalten Krieges gleichsam naturwüchsige Wiederkehr der Bedeutung des Raums bei gleichzeitigem Abklingen der zuvor maßgeblich gewesenen Kategorien der Zeit; und die einer solchen Verwandlung erwachsende Entschlossenheit Russlands, sich jener Tendenz zum Zwecke der eigenen Machtentfaltung zu bedienen.

          Der Kalte Krieg war ein nuklear bewehrter Weltbürgerkrieg der Werte zwischen den Mächten der politischen Freiheit - dem Westen - und den Mächten eines wortwörtlichen Verständnisses von sozialer Gleichheit: dem Osten. Die nukleare Bewaffnung dieses Gegensatzes und die sich daraus ergebenden strategischen Konsequenzen zogen ein extrem beschleunigtes Handeln notwendig nach sich. In seinem Zeichen fanden sich die eingetretenen Krisen reguliert.

          Fast alle während des Kalten Krieges eingetretenen Krisen waren von auffällig kurzer Dauer. Dies galt für die Berlin-Krisen 1958 und 1961; und dies galt für die Kuba-Krise 1962. Der auffällig kurze Modus des Krisenverlaufs: plötzliches Eintreten wie abruptes Ende, entsprangen der Logik angedrohter gegenseitiger Vernichtung und der Wahrscheinlichkeit von Apokalypse. Das unmittelbare physische Gegenüber der Supermächte an der Nahtstelle des Weltkonfliktes, in Europa, bewahrte den Alten Kontinent paradoxerweise vor „heißen“ Kriegen, vor bewaffneten Konflikten konventioneller Art. Diese wurden nach „außen“ verlegt - dorthin, wo sie unterhalb der Schwelle eines Nuklearkrieges geführt werden konnten, vornehmlich an die asiatische Peripherie. Hierfür waren der Korea-Krieg 1950/53 und weit mehr noch der Vietnam-Krieg beispielhaft.

          Infolge des Zusammenbruchs des Kommunismus, des Zerfalls der Sowjetunion und des Endes des Kalten Krieges war eine bemerkenswerte Veränderung im Verhältnis von Zeit zu Raum zu beobachten. Es schien, als entziehe sich Raum der Umklammerung der vormals beherrschend gewesenen Zeit. Und während die Zeit hernach den Raum aus ihrem Zugriff entließ, schickte Letzterer sich seinerseits an, über jene zu verfügen. Die Konfliktzeiten fanden sich gezügelt. Sie bewegten sich auffällig verlangsamt. Sie waren gestreckt.

          Zum Raum wird hier die Zeit

          In der Epoche des Kalten Krieges war Raum konturlos gewesen - eine auf den politischen Landkarten binär kolorierte Fläche, aufgeteilt in Gebietsbereiche der Blockzugehörigkeit, von Ost und von West. Mit der Epochenwende löste sich die Fläche vielfarbig auf, um ein an historische Vergangenheiten gemahnendes komplexes Relief auszubilden. Die Wiederkehr historischer Räume schien eine Wiederkehr vormals mit jenen Räumen verbunden gewesener historischer Zeiten anzukündigen. Gedächtnis und Geographie, im Modus der Dauer vereint, sind von repetitiver Wirkung. Die dabei freigesetzten Konflikte waren von auffälliger Langsamkeit.

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