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Leben in Heidenau : Lerne kämpfen – und benutze deinen Verstand!

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Damit seine Familie in Heidenau nicht krankenhausreif geschlagen wird, bleibt dieser Mann lieber unerkannt. Bild: Julia Zimmermann

Jeden Abend stehen die Glatzen vor der Tür: Was einen das Leben lehrt, wenn man mit dunkler Haut und Irokesenfrisur in Heidenau groß wird. Ein Protokoll.

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          Ich erinnere mich, wie ich mit elf Jahren in Heidenau durch die Straßen gelaufen bin und dieses Lied gesungen habe: „Türke, Türke, was hast du getan“. Das hatte ich von den Älteren, die das auch gesungen haben. Ich hatte allerdings das Glück, dass mein Vater nicht aus Deutschland kommt und ich daher eine dunklere Haut habe. Ich war also von Natur aus anders als die, die sich für „richtige Deutsche“ hielten. Mit dreizehn ging das los, dass die meisten anfingen, sich eine Glatze zu machen, Springerstiefel zu tragen, Bomberjacken zu tragen. Je mehr von denen sich in die rechte Ecke entwickelt haben, desto mehr habe ich mich in die entgegengesetzte Richtung bewegt. Ich habe angefangen, Palitücher zu tragen, habe mir mit einem Freund einen Irokesenschnitt zugelegt. Erst nur ein bisschen, dann wurde der immer schmaler, und wir waren total stolz darauf. Nicht nur die Rechten suchen ja Identifikation.

          Und dann ging es los. Plötzlich wurde ich verfolgt von Menschen, mit denen ich in der Schule war. Da gab es Leute, die hatten eine dunklere Hautfarbe als ich, und die haben mich verfolgt, weil ich in ihren Augen ein „Bastard“ war. Es gab zwar Kloppe, aber das hat sich alles noch in Grenzen gehalten. Schlimmer wurde es dann, als ich mit siebzehn in Pirna gelebt habe und da die richtigen Faschos aufgetaucht sind. Da waren auch Leute von früher aus meiner Schule dabei. Die hatten in der Nähe meiner Wohnung einen Jugendklub.

          Kein Bildungssystem geht dazwischen

          Wir sind als Punks auch schon mal da einmarschiert, aber die waren wesentlich öfter bei mir zu Hause. Ich hab’ direkt daneben gewohnt und hatte eine Weile jeden Abend zehn oder zwanzig Glatzen vor der Tür. Und die kloppen dich zusammen. Die haben einem Jungen, der bei mir war, einen großen Altarkerzenständer ins Gesicht gehauen!

          In Pirna waren auch Rechte aus Heidenau aktiv. Die waren über die Skinheads Sächsische Schweiz vernetzt, die wohl seit fünfzehn Jahren zerschlagen sind. Das ist ein Kreis von Leuten aus Königsstein, Pirna, Heidenau und den ganzen Dörfern drumherum. Die Glatzen sind alle mit den Jugendklubs organisiert gewesen, die es dort gab. Das ist ausgegangen von vielen Älteren, die nach der Wende die Jugendklubs organisiert und die jungen Leute eingeladen haben. Die standen ja von einem Tag auf den anderen auf der Straße. Diese Älteren haben ihre rechte Gesinnung an die Jungen weitergegeben. Kleine Brüder gucken auf die größeren – und so wächst das immer weiter, wenn kein Bildungssystem dazwischengeht.

          Viele, mit denen ich früher zur Schule gegangen bin, posten heute NPD-Slogans bei Facebook. Da denke ich mir: Leute, ihr seid doch klug, ihr seid lustig, mit euch war ich doch mal Bier trinken. Das sind ganz normale Leute, nicht nur Nazis. Im Osten sind höchstens die Leute ein Unterschichtenphänomen, die tatsächlich auf die Straße gehen und prügeln. Gelangweilt sind die, ohne Aufgabe und Bildung.

          „Ich bin nur noch gerannt“

          Wenn ein Bürgermeister Opitz aus Heidenau überrascht tut und sagt, dass er mit solchen Ausschreitungen nicht gerechnet hat, dann würde ich ihm am liebsten sagen: „Dann regierst du die falsche Stadt“. Denn es ist bekannt, dass es starke rechte Tendenzen in der Stadt gibt. Schon als ich mit zwanzig weggegangen bin, gab es eine Soko gegen Rechtsextremismus in Pirna. Die haben damals bereits ermittelt und sind mir sogar nach Hessen hinterhergefahren, um mich zu verhören und Informationen zu bekommen über die ganzen Nazis. Da kann mir kein Politiker erzählen, er sei nun völlig überrascht. Das war für mich klar, was kommen wird, als die Asylbewerber in den ehemaligen Baumarkt gesteckt wurden.

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