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Cruise als Graf von Stauffenberg : Die unmögliche Mission

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So stehen die Dinge, und so stehen sie nicht gut. Aber hier ist nicht die Rede von Tom Cruise, sondern von Claus Graf Schenk von Stauffenberg, und nicht von Scientology, sondern vom George-Kreis, von jenem Milieu also, dem Stauffenberg seine entscheidende Prägung verdankte. Wir befinden uns nicht im Jahre 2007, sondern im Jahre 1927 - in drei Jahren wird unter dem Titel „Herrschaft und Dienst“ die Verfassung des Kreises erscheinen. Nicht nur war Stauffenberg damals eine der entscheidenden, von George selbst so benannten „Staatsstützen“ des sektiererischen Zirkels, er wurde sogar gesetzlicher Erbe und Testamentsvollstrecker des Werkes und damit auch in gewisser Weise der Nachlassverwalter seiner Prophetien.

Zwischen Ron Hubbard und Stefan George liegen - um jedes Missverständnis auszuschließen - Lichtjahre. Der George-Kreis war keine Hunderte-Millionen-Dollar-Industrie und auch kein Instrument finanzieller Bereicherung. Und dennoch wäre er heute im Überwachungsbereich des Sektenbeauftragten und - denkt man an die von George 1933 zugestandene „Ahnherrschaft“ der „neuen nationalen Bewegung“ - auch des Verfassungsschutzes.

Instrumentalisierung ist abstoßend und durchsichtig

Daran ist zu erinnern, wenn man die gespensterhafte Debatte um die staatstragende Würdigkeit von Tom Cruise angemessen beurteilen will. Cruise soll am authentischen Ort des Geschehens nicht drehen dürfen, um dessen Würde zu wahren - ein Verbot, das überzeugend nur wäre, wenn der Ort für Filmproduktionen immer schon gesperrt worden wäre. Zum Glück - denn nur deshalb verfügen wir über die großartige Stauffenberg-Darstellung von Sebastian Koch - war er das nicht.

Die Instrumentalisierung der Würde ist ebenso abstoßend wie durchsichtig; in Wahrheit geht es, wie Liane von Billerbeck im Deutschlandradio richtig mutmaßt, um Deutungshoheit. Wie sehr, das zeigte die Reaktion des Gedenkstätten-Chefs Peter Steinbach auf Florian Henckel von Donnersmarck. Dessen Intervention für Cruise nannte Steinbach in einem Interview „verkommen“, und dieses Wort, im Kontext des 20. Juli gesprochen, in dem das Wortfeld „verkommen“ eindeutig konnotiert wurde, ist würdeloser und anmaßender und geschichtsloser, als es die Filmaufnahmen im Bendler-Block je sein könnten.

Stauffenberg dürfte Stauffenberg heute nicht spielen

Das Bundesfinanzministerium sollte dem amerikanischen Filmteam die Erlaubnis geben, im Bendler-Block zu drehen. Kann sein, der Film wird schlecht, kann sein, er wird fatal. Aber wenn wir uns nicht den Deutungen lebendiger Menschen aussetzen, und sei es aus Neugier, erstarrt der wichtigste Teil unserer Geschichte zu Stein. Nicht der Schauspieler Tom Cruise ist das Problem; das Problem ist, dass wir Stauffenberg selbst zum puren Darsteller einer Mission machen.

Erst nachdem ein Großteil der Kriegsgeneration abgetreten ist, hat die Gesellschaft ihren Frieden mit den Attentätern vom 20. Juli gemacht. Doch nun, nach über sechzig Jahren, behandeln wir ihn, als sei er, der historische Stauffenberg, selbst nur der Schauspieler einer historischen Rolle, der „Attentäter“, der „Widerständler“, eine Art Text- und Rollenaufsagegerät. Der wahre Stauffenberg dürfte heute Stauffenberg nicht spielen aus ideologischen und gesinnungsethischen Gründen. Man will einen Mann ohne Hintergründe, ohne Irrationalitäten, ohne Erdenrest. Wer weiß, vielleicht gibt Tom Cruise uns den zurück?

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