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„Corrupt Tours“ in Prag : Die Kunst der Kriminellen

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Es gibt viel zu sehen: Mit der Touristenführerin Marabel von der Reiseagentur Corrupt Tours unterwegs in Prag Bild: REUTERS

Von der Stadtverwaltung zum Penthouse, vom Plattenbau in die Villa: In Prag sind die „Corrupt Tours“, Stadtführungen auf den Spuren des großen Geldes, ein Erfolg.

          Nicht jeder, der Kunst fördert, ist ein guter Mensch. Da ist zum Beispiel der Fall des sozialdemokratischen Hauptmanns des mittelbömischen Kreises, David Rath, der sich wie kein anderer für die Kunst einsetzte und bei Prag das Zentrum GASK für zeitgenössische Kunst aufzubauen begann. Im Mai des vorigen Jahres wurde er mit einer Weinkiste unter dem Arm, in der sich sieben Millionen Kronen - rund dreihunderttausend Euro befanden, und mit einer Pistole unter der Jacke verhaftet. In seiner Villa in Hostovice fand man unter den Bodendielen des Weiteren umgerechnet rund 1,2 Millionen Euro und eine Maschinenpistole mit Munition. Jahrelang hat Rath vor allem EU-Subventionen veruntreut. Es sollen bei öffentlichen Projekten wie der Sanierung eines Krankenhauses oder dem Umbau eines Museums überteuerte Aufträge an befreundete Firmen vergeben worden sein, die stattliche Summen an den Beschuldigten zurückfließen ließen.

          Als im Juni in Prag über die Verhaftungen von acht Politikern und hohen Staatsbeamten die tschechische Regierung stürzte, staunten viele über das Ausmaß der Korruption. Nicht so der Theatermann, Philosoph und Künstler Peter Sourek: Er ist mit den mafiösen Machenschaften der tschechischen Politiker schon länger vertraut und nicht nur das; er verdient sogar Geld an diesen Machenschaften. Wie? Ganz einfach, indem er ein Reisebüro mit dem Namen „Corrupt Tour“ gründete und Touristen statt zu den historischen Sehenswürdigkeiten zu Schauplätzen der Korruption führt. Soureks Touren werden geschickt inszeniert, alle Fakten sorgfältig recherchiert und von ausgebildeten Schauspielern humorvoll vermittelt. Eigentlich handelt es sich eher um grotesk bizarre Performances, und trotzdem wirkt alles professionell, die Logos, die Slogans - Corrupt Tour ist auch tatsächlich als Firma eingetragen.

          Seit mehr als einem Jahr existiert sie bereits, hat zurzeit acht Reiseführer und Reiseführerinnen und bietet Touren auch in englischer und deutscher Sprache an. Seit einigen Monaten ist sie sogar eine Aktiengesellschaft: Die Aktien werden von Künstlern gestaltet - jede Aktie ist ein Kunstwerk - und in einem speziellen Ritual übergeben. Man bestimmt kurzfristig einen für die Übergabe meistens ungewöhnlichen Ort, an dem man in schwarzem Anzug und mit Sonnenbrille getarnt zu erscheinen hat. Die Übergabe geschieht dann ganz schnell. Auch diese Inszenierung orientiert sich an der Wirklichkeit, denn in Tschechien gibt es die in Deutschland verbotene Inhaberaktie. Sie wird nirgendwo registriert und kann daher den Besitzer wie eine Banknote unkontrolliert wechseln. Zu den Aktionären von Corrupt Tour, deren Aktien echt sind, zählen neben Tschechen auch schon einige Italiener und Österreicher.

          Wundersam gefüllte Taschen

          Wie die Verhaftungen im Juni gezeigt haben, ist die Korruption in Tschechien erschreckend - und sie betrifft auch die Kunst. Nicht nur dass viele der heutigen Sammler auf eine sehr zwielichtige Art und Weise zu ihrem Geld gekommen sind. Es wird vermutet, dass bis zu vierzig Prozent der EU-Gelder das Taschengeld zahlloser Politiker und ihrer Verbündeten aufbesserten. Kein Wunder daher, dass in dieser Atmosphäre Soureks Reisebüro gedeiht. Jetzt wurde er sogar mit seiner „Corrupt Tour“ von der Architekturgalerie am Weißenhof nach Stuttgart eingeladen, um an der noch bis zum 15. September gezeigten Ausstellung „Beyond Tourism - Zanzibar“ und an einem Symposion zum Thema innovativer urbaner Tourismus teilzunehmen.

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