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„Corpus Coranicum“ : Koran, aber im Kontext - Eine Replik

  • -Aktualisiert am

Berliner Muslim bei der Koranlektüre Bild: dpa

Mit der Zähmung des Feuers verglich Frank Schirrmacher die Folgen einer kritischen Koran-Ausgabe. Nun antworten die Forscher, die in Berlin eine solche Veröffentlichung vorbereiten: über die Diskussion ihrer Arbeit in der islamischen Welt, Ansatz und Adressaten.

          In seinem Leitartikel zur Frankfurter Buchmesse, der unter dem Titel „Ein Buch fehlt“ am 10. Oktober in der F.A.Z. und auf FAZ.NET erschienen ist, geht Frank Schirrmacher auf das Forschungsprojekt „Corpus Coranicum“ ein (siehe auch: Bücher können Berge versetzen). Leider erlaubt es uns die wissenschaftliche Redlichkeit nicht, uns in dem prometheischen Glanze zu sonnen, in den er unser Vorhaben stellt. Sein Artikel bringt Corpus Coranicum in enge Verbindung mit der Regensburger Rede Benedikts XVI. Für den Leser könnte sich so der Eindruck einstellen, Corpus Coranicum würde ein vom Papst gefordertes Forschungsprogramm ausführen.

          Tatsächlich geht der in der islamischen Welt von der Papst-Rede ausgelöste Protest ja auf die Verwechslung eines Zitats aus der Feder Manuels II. Palaiologos mit der eigenen Meinung des Papstes zurück. So bedauerlich dieses Missverständnis sein mag, so wenig zeugt es doch von einer grundsätzlichen Unvereinbarkeit des Islams mit einer historischen Koranlektüre oder mit einer philologisch fundierten Aufarbeitung der koranischen Textüberlieferung. Ganz im Gegenteil lassen sich in der islamischen Tradition durchaus entsprechende Ansätze ausmachen: Klassische Korankommentare fragen immer wieder nach den „Offenbarungsanlässen“ (asbâb an-nuzûl) einzelner Verse, und die islamische Literatur über abweichende Lesarten des Korantextes - gleichsam eine Art Textkritik avant la lettre - füllt Regale. Auch wenn unser Projekt an europäische Forschungstraditionen (vor allem auch an verschüttete deutschsprachige Wissenschaftstraditionen) anknüpft und in mancherlei Hinsichten andere Fragen als die islamische Koranexegese stellt, so steht es doch nicht in unaufhebbarer Gegnerschaft zur islamischen Koranrezeption.

          Mindesthoffnung: eine fruchtbare Streitkultur

          Natürlich soll damit nicht geleugnet werden, dass der zeitgenössische Islam auch durch fundamentalistische Strömungen charakterisiert ist, die ohne jede hermeneutische Arbeit einen Text des siebten Jahrhunderts mit der Gegenwart kurzschließen wollen. Es wäre jedoch verkürzt, solche Positionen lediglich aus der islamischen Tradition heraus erklären zu wollen; sie sind auch das Ergebnis von Transformationen und Verengungen dieser Tradition unter den spezifischen Bedingungen der Moderne.

          In den vergangenen Monaten konnten wir in Teheran, Qom, Damaskus, Fes, Rabat und während einer Sommerakademie in Istanbul mit iranischen, arabischen und türkischen Gelehrten zahlreiche Diskussionen über unser Projekt führen, bei denen sich zeigte, dass auch aus innerislamischer Perspektive theologisch überzeugend für eine kontextualistische Koranlektüre argumentiert wird: Selbst wenn man den Koran als wortwörtliche Gottesrede betrachtet, so muss sich eine für Menschen verständliche Offenbarung doch auf den kulturellen und religiösen Horizont ihrer Adressaten einlassen und stellt insofern auch einen legitimen Gegenstand historischen Fragens dar. Wir knüpfen hieran die Hoffnung, dass nichtislamische und islamische Forscher von unterschiedlichen Ausgangspunkten her zu manchen gemeinsamen Fragestellungen, zumindest aber zu einer fruchtbaren Streitkultur finden können.

          Wir wollen keine Fundamentalisten belehren

          Inwieweit sich die gerade skizzierte Sichtweise in den von vielerlei politischen und sozialen Verwerfungen erschütterten Gesellschaften des Nahen Ostens wird durchsetzen können, ist, wie jede historische Entwicklung, offen. In jedem Fall kann es nicht Anliegen unseres Forschungsprojektes sein, islamische Fundamentalisten eines Besseren zu belehren. Gerade die Hoffnung, unsere Arbeit könne politische Heilstaten vollbringen („Herrscher stürzen und Reiche wenden“), droht seine wissenschaftliche Glaubwürdigkeit und damit auch seine Attraktivität für interessierte islamische Forscher zu gefährden, insofern sie der in vielen Kreisen der islamischen Welt verbreiteten Vorstellung entgegenkommt, nichtislamische Orientalisten seien vor allem Erfüllungsgehilfen politischer Zielvorgaben.

          Primärer Adressat von Corpus Coranicum ist deshalb nicht die islamische Welt, sondern die deutsche und europäische Öffentlichkeit: Indem das Projekt auf unaufgeregte, von Islamophobie wie romantischer Verklärung gleichermaßen entfernte Weise die Interaktion des Korans mit seinem spätantiken, durch christliche und jüdische Traditionen geprägten Umfeld nachzeichnet, wird der Koran vom Inbegriff des Anderen, Nicht-Europäischen zu einer Schrift, die eng mit einer konstitutiven Epoche der abendländischen Tradition verflochten ist. Unnötig zu sagen, dass dies kein unkritisches Übersehen der offenkundigen Dissonanzen zwischen dem koranischen Wortlaut und dem Wertekanon der westlichen Moderne bedeutet: Auch die Bibel erweist sich unter dem Zugriff historischer Analysemethoden nicht gerade als Manifest der Geschlechtergerechtigkeit. Gleichwohl wäre es nicht legitim, eine religiöse Tradition auf den historischen Primärsinn ihrer kanonischen Texte festzuschreiben: Welchen exegetischen Gebrauch eine Gemeinde von ihrer Überlieferung macht, wird nicht vom Wortlaut dieser Überlieferung bestimmt.

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