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Berlins Angst vor Corona : Das Virus in der Hauptstadt

Bleibt wegen Corona geschlossen: eine Schule in Berlin Friedrichshain Bild: dpa

Der Chor singt noch, aber manche Schulen mussten bereits schließen: Wie die Berliner Kultur- und Bildungsinstitutionen mit der wachsenden Präsenz des Coronavirus umgehen.

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          Erst schloss die eine Schule. Nur vorübergehend, und heute könnte die Metropolitan School in Berlin-Mitte vielleicht schon wieder öffnen, aber die Nachricht machte schneller die Runde, als die Vernunft sie einholen konnte. In der Elternschaft soll es jemanden geben, der Kontakt zu einer mit dem Corona-Virus infizierten Person hatte. In der Schule selbst gibt es aber Berichten zufolge keinen Verdachtsfall. Die Schulleitung handelte hier zunächst eigenmächtig; eine Bescheinigung vom Gesundheitsamt, die wegen der Schulpflicht erforderlich ist, soll auf Aufforderung der Berliner Bildungsverwaltung nun nachgereicht werden. Da konnte man noch denken, diese eine Schule war vielleicht etwas überbesorgt, wenn nicht leicht hysterisch, womöglich ist es gar ein Fehlalarm?

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Doch wenige Stunden später kam die Meldung von der zweiten Schule. Die Senatsverwaltung für Gesundheit empfahl der Bildungsverwaltung, die Emanuel-Lasker-Oberschule in Berlin-Friedrichshain bis auf Weiteres zu schließen. Es gebe einen positiv getesteten Corona-Fall. Diesmal traf es eine öffentliche Schule. Sie wurde umgehend geschlossen.

          Und damit war es noch nicht vorbei. Es verging kein Tag, und schon kam die dritte Schule: Auch die benachbarte Modersohn-Grundschule schloss gestern ihre Pforten – denn sie arbeitet eng mit der Emanuel-Lasker-Oberschule zusammen, weil aus beiden Schulen eine Gemeinschaftsschule werden soll. „Hunderte Familien im Ausnahmezustand“, titelte der Tagesspiegel sofort aufgeregt online, und man durfte sich fragen, was wohl der Normalzustand ist, wenn drei vorübergehend geschlossene von insgesamt mehr als siebenhundert geöffneten allgemeinbildenden Schulen schon den Ausnahmezustand darstellen. So weit entfernt ist das von der digitalen Panik nicht mehr, mit der Nutzer Fotos von leeren Supermarktregalen posten, als stünde Deutschland kurz vorm Untergang – ungeachtet der Tatsache, dass die Regale am nächsten Tag wieder gefüllt sind.

          Theater und Museen bleiben entspannt

          Und doch: In der Hauptstadt geht noch immer das meiste seinen normalen Gang. Aus der Bildungsverwaltung verlautet, an einigen Schulen gebe es „Abklärungsfälle“, für weitere Schließungen sehe man derzeit jedoch keine Veranlassung. Auch die Museen und Theater zeigen sich entspannt – und ihre Besucher ebenso.

          „Wir versuchen natürlich, Ruhe zu bewahren“, sagt Markus Farr, Pressereferent der Staatlichen Museen zu Berlin. Er schätze sich selbst als ängstlich ein, wisse aber um die Umsicht der Verantwortlichen. Mitarbeiter seien über präventive Maßnahmen informiert, die Generaldirektion stimme sich mit den übergeordneten Behörden ab, „um auf mögliche Eventualitäten vorbereitet zu sein“. Es liefen alle Einrichtungen der Staatlichen Museen im Normalbetrieb. Notfallpläne und Checklisten würden überprüft und aktualisiert, eine Schließung der Museen sei derzeit aber kein Thema. Zwar gebe es vereinzelt Stornierungen von Reisegruppen, insgesamt sei jedoch kein Rückgang der Besucherzahlen zu beobachten.

          Auch an wichtigen Berliner Theatern wie der Schaubühne bleibt man gelassen. Das Publikum komme unverändert. Die üblichen Präventivmaßnahmen zur besseren Hygiene seien ergriffen worden. Ansonsten beobachte man „wachsam die Entwicklung“ und stehe in engem Austausch mit der Senatsverwaltung für Kultur und Europa.

          Der Chor singt noch

          Ein ähnliches Bild liefert der Rundfunkchor Berlin. Wo gesungen wird, fliegt mitunter Spucke, was die Ausbreitung des Virus begünstigen könnte. Aber das ist zur Zeit wohl doch noch zu hypothetisch: Der Chorbetrieb laufe ganz normal weiter, solange nichts Relevantes vorliege.

          Und wie sieht es im Kino aus? Gehört es nicht zu den Orten, die man wegen der zu erwartenden Ansammlung von Menschen in diesen Tagen unbedingt meiden sollte? In der Pressestelle des Kinobetreibers UCI, der in Berlin viele Spielstätten hat, ist stundenlang niemand zu erreichen. Unterdessen hat die Charité eine Untersuchungsstelle für Patienten mit Corona-Symptomen eröffnet. Auf der Straße und in den öffentlichen Verkehrsmitteln trägt kaum jemand einen Mundschutz. Soll man ja auch nicht, war nun immer wieder zu hören, sonst gehen denen, die sie wirklich brauchen, die Schutzmittel aus, operierenden Ärzten zum Beispiel.

          Für Großveranstaltungen sieht es dagegen nicht gut aus – erst wurde die Internationale Tourismus-Börse Berlin (ITB) abgesagt, dann das kleinere Berlin Travel Festival – und nun das Aus für die Leipziger Buchmesse. Doch die Berliner Kultur trotzt dem Virus – noch.

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