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Coronakrise : Wie Schulen und Verlage den Unterricht neu denken

Keine Ferien, sondern das Coronavirus: Die Schulen, wie hier in Essen, bleiben dicht. Die Kinder müssen von zuhause aus lernen. Bild: dpa

Lehrbücher, Arbeitshefte, Wochenpläne und Videokonferenzen: Das Coronavirus zwingt Lehrer und Schüler dazu, innerhalb kürzester Zeit neue Unterrichtsformate zu entwickeln. Mancher Schule fällt das leichter. Schulbuchverlage bemühen sich auszuhelfen.

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          Am Wochenende war der jugendliche Schüler noch frohgemut. Er arbeitet als Aushilfe beim Bäcker und blickte entspannt auf die bevorstehenden Wochen in Berlin: „Na, ich habe ja jetzt Corona-Ferien!“ Dass die Schulschließungen nicht den Zweck haben sollten, eine Lernpause zu machen, hatte er nicht bedacht: „Aufgaben für zu Hause? Wie wollen die das denn machen, für so viele Wochen? Das geht doch gar nicht!“

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Da hatte der Schüler nicht ganz unrecht. Es ist eine gewaltige Herausforderung für Lehrer und Schulleitungen, innerhalb kürzester Zeit Unterrichtsformate zu entwickeln, die ohne ihre eigene Präsenz auskommen müssen. Allen ist aber auch klar: Jetzt muss das Unmögliche möglich gemacht werden, die Lehrer in Berlin versuchen das ganz unterschiedlich. Die Anne-Frank-Grundschule am Tiergarten arbeitet nach Auskunft einer Lehrerin überwiegend mit Lehrbüchern, Arbeitsheften und Wochenplänen, die den Schülern ausgehändigt worden seien. Eine Kontrolle soll per E-Mail erfolgen. Der Moabiter Grundschule fällt die Umstellung auf digitalen Unterricht nicht so schwer, da sie schon, wie es aus der Schulleitung heißt, seit längerer Zeit ein digitales Lernprogramm einsetze. Es stelle nicht nur Aufgaben bereit, sondern kontrolliere auch die Eingaben der Schüler. Die Lehrer sähen am Ende die Ergebnisse und verteilten neue Themen. Das Goethe-Gymnasium in Wilmersdorf arbeitet mit dem von der Berliner Bildungsverwaltung angebotenen digitalen „Lernraum Berlin“, der hochgeladenes Übungsmaterial und Aufgabenpools bereitstellt. Das sei übersichtlicher als die Kommunikation per E-Mail, erklärt der Schulleiter. Da viele Schulen nun verstärkt darauf zugriffen, sei der Server Anfang der Woche allerdings zusammengebrochen.

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          Andere Schulen wie die Elizabeth-Shaw-Grundschule in Weißensee oder die Integrierte Sekundarschule (ISS) Hugo-Gaudig in Tempelhof sehen keine Möglichkeit, die Aufgaben der Schüler während der Schließungszeit zu kontrollieren; das könne erst nach Wiedereröffnung geschehen. Je nach sozialer Zusammensetzung der Schülerschaft ist es auch nicht allen Schulen möglich, ausschließlich mit digitalen Formaten zu arbeiten. Im Heinz-Berggruen-Gymnasium in Westend bekommen die Schüler digitalen Blockunterricht. Pro Tag stehe ein Fach im Vordergrund, erklärt die stellvertretende Schulleiterin. Die Schüler erhielten jeden Tag neues Arbeitsmaterial, das von den Lehrern korrigiert und mit einem Feedback versehen werde. Die ISS Gustave-Eiffel-Schule in Prenzlauer Berg will von der Möglichkeit Gebrauch machen, Videokonferenzen für eine kleinere Gruppe von Schülern zu schalten, um Fragen und Lernschwierigkeiten abzuklären.

          Die Heterogenität der Lösungswege spiegelt die enormen Differenzen zwischen den Schulen wider – doch die gab es vor der Corona-Krise auch schon.

          Viele Schulbuchverlage bemühen sich unterdessen, Lehrern, Schülern und Eltern in dieser Notsituation auszuhelfen und ihre Produkte um kostenlose digitale Angebote zu erweitern. Der Cornelsen Verlag hat auf seiner Homepage eine digitale Anlaufstelle eingerichtet, die nach Auskunft des Geschäftsführers für zwei Monate einen freien Zugang zu „über 40.000 Erklärvideos, Übungen und Klassenarbeiten“ von „Duden Learnattack“ ermöglicht. Einen Überblick über digitale Lernportale in den Kernfächern bietet der Westermann Verlag. Der Mildenberger Verlag räumt den Lehrern für die Dauer dieser Notsituation das Recht ein, unbegrenzt aus ihren Werken zu kopieren und Seiten zu scannen. Der Bedarf ist groß: Allein am Montag seien im Cornelsen Verlag über zehntausend Anfragen von Lehrern eingegangen, die nach digitalem Übungsmaterial suchten.

          Kaum einer glaubt, die Schüler lernten im Selbstunterricht oder mit digitaler Anleitung genauso viel wie in der regulären Schule. Aber für drei Wochen könnten sie damit schon improvisieren, sagen viele Lehrer. Und am meisten hilft vermutlich das, was der Mildenberger Verlag den Schülern empfiehlt: lesen, lesen, lesen.

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