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Berührungen nach der Pandemie : Fass mich bitte (nicht) an

Tangotänzer im kolumbianischen Medellín im Juni 2021 Bild: AFP

Körperkontakt war schon vor der Pandemie ein großes Thema. Doch die vergangenen anderthalb Jahre haben die Frage nach der richtigen Berührung noch komplizierter werden lassen. Diese Chance sollten wir nutzen.

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          Erinnert sich noch jemand an den foot shake? Im Frühjahr 2020 sah man auf den Straßen und öfter noch im Internet Leute, die zum Gruß ihre meist beschuhten Füße mit den Innenseiten aneinanderstießen. Meist wirkte das wie eine missverstandene Polka. Sie starrten nach unten, um den Fuß des anderen nicht zu verfehlen, und bemühten sich, auf einem Bein stehend, um Gleichgewicht. Kein Wunder also, dass sich das nicht durchgesetzt hat. Üblicher ist es dagegen geworden, einen Ellbogen zu zücken und gegen den des Gegenübers zu bumpen. Und seitdem nicht mehr nur Hip-Hopper, Sportler oder Barack Obama freundlich ihre Faust ausstrecken, ist auch die „Ghettofaust“ zum Mainstream geworden. Weniger cool, dafür sehr herzenswarm, ist eine sanfte Kopfverbeugung, bei der die Hände auf Brusthöhe aneinandergelegt werden: Namasté.

          Novina Göhlsdorf
          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

          Die Vorlage, einander jenseits des sogenannten eigenen Haushalts nicht mehr zu berühren und aufs Händeschütteln, auf Wangenküsschen und Umarmungen zu verzichten, hat uns kreativ und aneignungsfreudig gemacht. Trotzdem erzeugte die Unverfügbarkeit gewohnter Repertoires sonderbare Situationen. Wich man auf eine der in der Pandemie geborenen oder hervorgekramten Alternativen aus, war das oft ungelenk. Aber in diesen Augenblicken verhinderter Berührung versuchten alle Beteiligten, die Beschränkungen möglichst würdevoll zu umschiffen. Man schien sich einig darin, dass man sich näherkäme, wenn man nur dürfte. Regeln siegten über Normen.

          Über neuartige Verunsicherungen

          Mittlerweile ist die Lage jedoch komplizierter. Manche sind vollständig geimpft, andere genesen. Aufgrund der in Deutschland gesunkenen Inzidenzzahlen scheint es nicht mehr so gefährlich, sich einander wieder anzunähern. Das führt zu neuartigen Verunsicherungen. Trifft man auf Freunde, breiten einige von ihnen die Arme aus, steuern einen ungebremst an. Unversehens ist man umarmt worden, haben sich Lippen oder Wangen auf Wangen gedrückt. Geht eine Seite nicht derart zielstrebig vor, entstehen bisweilen unbehagliche Szenen, in denen beide zaudernd und wenig grazil voreinander herumtänzeln. Nach der dritten Welle ist ungewisser als während der ersten, wer was noch will oder schon darf. Die Regeln sind aufgeweicht, alte Normen walten wieder stärker, haben aber an Eindeutigkeit verloren.

          Plötzlich lässt sich ahnen, dass die eigene Berührungsscheu als unhöfliche Abweisung empfunden werden kann – wie vor der Pandemie. Doch wie gültig sind solche Höflichkeitserwartungen noch? Und werden wir uns je wieder unbefangen die Hände schütteln oder umarmen, ganz ohne Angst vor dem Atem des Gegenübers und dem unsichtbaren Milieu auf dessen Handinnenflächen? Die zum Infektionsschutz installierte „Ordnung der Berührung“, wie sie die Soziologin Gesa Lindemann nennt, hat sich in Körper eingeschrieben. Lindemann erwartet, dass auch künftig Personen außerhalb des familiären Kreises als Bedrohung wahrgenommen und auf Distanz gehalten werden.

          Vielleicht aber geht die jetzige Unsicherheit nicht bloß auf gesundheitliche Gefahrenabwägungen zurück. Das Virus-Wissen hat das Bewusstsein für den Ablauf von Begrüßungs- und Abschiedsritualen erhöht, für den darin enthaltenen physischen Kontakt. Der fällt nun auf, nicht nur als einer, der eventuell krank macht, sondern auch als einer, für oder gegen den man sich entscheiden kann. Als einer, den man womöglich gar nicht schätzt. Manche empfanden schon vor der Pandemie gerade den ritualisierten und damit vielen so selbstverständlichen Körperkontakt als Zumutung und das Covid-bedingte Hygieneregime daher als befreiend. Das gilt nicht allein für Harald Schmidt, der kürzlich im Video-Gespräch mit der F.A.Z sagte: „Kein Händedruck, keine Umarmung, kein Küsschen rechts und links. Endlich tut die Regierung was für mich.“ Ein Freund, der von Berufs wegen ständig Hände schütteln musste, befürchtet die Wiederkehr des hand shakes, weil er diese vorgeschriebene Nähe zu Fremden nie mochte. Eine Freundin ist froh, anderthalb Jahre lang keine mehr oder minder luftigen Küsschen mehr verpasst bekommen zu haben.

          Dass Körperkontakt in den zurückliegenden anderthalb Jahren zum viralen Einfallstor wurde, machte ihn als Thema umso präsenter. Zahllose Artikel erzählten von Menschen, die es schmerzlich vermissten, berührt zu werden und zu berühren. Gerade die, deren eigener Haushalt nur aus ihnen selbst besteht, waren dazu auf den Umgang mit Freunden und Bekannten angewiesen, von dem abgeraten wurde. Berührungsexperten wurden vielbefragt und legten dar, was seit ein paar Jahrzehnten zunehmend beforscht und zur wissenschaftlichen Tatsache erklärt worden ist: Der Mensch sei, in den Worten des Psychologen Martin Grunwald, ein „homo hapticus“, er brauche Berührungen; das läge in seiner Natur. Ihr Fehlen hemme die Entwicklung von Kindern, erzeuge aber auch bei Erwachsenen Niedergeschlagenheit und Stress; das Immunsystem werde geschwächt. Nachdem der Tastsinn im Kontext einer erst christlich und dann aufklärerisch geprägten Körpervergessenheit auch von der Wissenschaft lang vernachlässigt worden ist, erhält er heute dort mehr Aufmerksamkeit. In der Haptikforschung wird er häufig biologisiert, werden seine Effekte umgerechnet in Glücks- und Bindungshormone und neuronale Signale. Werden wir dabei angefasst, lösen auch kleine Begrüßungsgesten, so Grunwald, ein „biochemisches Großereignis“ aus. Die pandemisch begründete Abwesenheit von Körperkontakt verlieh dem noch recht jungen Forschungsgegenstand Relevanz, machte Berührungsspezialisten zu therapeutischen Ratgebern, von denen man wissen wollte, wie wir trotz Isolation auf die nötige Dosis an Tastsinnesreizen kommen.

          Berührungswohl ist voraussetzungsreich

          Einige Studien wurden erst mit Lockdown-Verhältnissen möglich. So konnte eine international angelegte Längsschnittstudie die emotionalen Auswirkungen von Berührungsmangel dadurch untersuchen, dass weltweit zahlreiche Personen genau den phasenweise in Reinform erlebten, geradezu unter Laborbedingungen. Laut Merle Fairhurst, Neurowissenschaftlerin an der Bundeswehr-Universität München und Leiterin der Studie, hat diese gezeigt, dass viele und vor allem junge Menschen länderübergreifend unter dem Entzug von Berührung – insbesondere durch ein vertrautes Gegenüber – gelitten hätten. Wie auch andere Forscher weist sie allerdings darauf hin, Berührungsbedürfnisse von Menschen seien individuell und kulturell verschieden und Berührungen wirkten nur dann positiv, wenn sie erwünscht sind und man sich sicher fühlt. Wo, wann und von wem man wie berührt wird, sei wesentlich. Berührungswohl ist voraussetzungsreich.

          Dennoch, der Tenor der Forschung und vor allem ihrer Popularisierung ist oft: Berührungen sind erst mal gut und gesund. Mitbefördert wird dabei anscheinend die Idee, auch der Wunsch nach Berührung sei gut und gesund. In Onlineforen finden sich Sätze wie „Hilfe! Ich mag keine Berührungen.“ Jene, die hier berichten, dass sie ungern angefasst werden, fürchten, etwas stimme nicht mit ihnen. Wikipedia-Einträge, die „Berührungsangst“ als Angststörung verlinken, beruhigen da wohl eher nicht. Führt die Vorstellung der Berührung als Heilsversprechen, die in der Pandemie noch ausgebaut und verbreitet wurde, zu einem unausgesprochenen Berührungsimperativ?

          Auch mit Blick auf Berührung und Berührungsschwund wurden in Corona-Zeiten eine Situation und ein Diskurs verschärft, die sich schon zuvor deutlich abgezeichnet haben. Seit etwa zehn Jahren wird ein Rückgang direkter Körperkontakte beobachtet, der auf eine – jedenfalls räumliche – soziale Vereinzelung in individualisierten Gesellschaften zurückgeführt wird und eine Verlagerung der Kommunikation ins Digitale; im Alltag streichle man mehr Bildschirme als Menschen. Das mache viele einsam. Schon vor der Pandemie wuchs, so der Haptikforscher Grunwald, die Nachfrage nach Haustieren und bezahlter Berührung wie durch Massagen und Kuschelpartys. Ausgehend von der Annahme, wir bräuchten „echte“ Berührungen, erregte dies Besorgnis und inspirierte mutmaßlich den Titel des 2018 von der Journalistin und Autorin Elisabeth von Thadden veröffentlichten Buchs „Die berührungslose Gesellschaft“.

          Auf Takt und Zartheit setzen

          Zugleich steigt seit Jahren, angetrieben auch von der Me-too-Debatte, die allgemeine Sensibilität dafür, dass Berührungen nicht immer gewollt und oftmals verheerend sind. Sie können Selbstvergewisserung bewirken – aber auch Selbstverlust. Anders als ihr Buchtitel vermuten lässt, schildert von Thadden äußerst präzise eine weit verbreitete Ambivalenz. Obwohl sie einen Berührungsbedarf aller voraussetzt, verweist sie darauf, jede Berührung kann potentiell gewaltsam sein. „Es ist“, schreibt sie, „ein ewiger Akt der Balance. Wer darf nah kommen, wer muss fernbleiben?“ Und ein Satz aus ihrem vor drei Jahren erschienenem Buch, aus einer Zeit vor Covid-19, scheint heute noch triftiger: „Unsere Gesellschaft ist auf dem Weg ins Offene: Wird künftig eine angstlose Zugewandtheit oder ein misstrauisches Kontrollbedürfnis die Begegnungen bestimmen?“ Der Umgang mit Berührungen – 2018 – gleiche einem Tanz auf dünnem Eis, „mit allem Schwanken, Ausweichen, Straucheln, Rempeln“. Kein Bild scheint die ruckeligen Begrüßungsszenen der Gegenwart, die mal suchenden, mal stockenden, mal vorschnellen Bewegungen, treffender einzufangen.

          In ihrem Aufsatz „In Tact?“ erinnert die Tanzwissenschaftlerin Gabriele Brandstetter an die Wortverwandtschaft von Takt und Taktilität und hebt hervor, dass Berührungen stets ein „Risiko der Hin- und Zuwendung“ bergen. Sie beschreibt eine Choreographie, in der zwei Tänzer Berührungsgesten nur auf Abstand vollziehen und sich dieses Risiko darin offenbare, dass ein „zärtlicher Kontakt“ und ebenso „ein Zögern, eine Eckigkeit und Unbeholfenheit“ erkennbar würden.

          Vor fast hundert Jahren befand der Philosoph und Soziologe Helmuth Plessner den Takt für eine unerlässliche Zutat geglückter Geselligkeit. Takt war für ihn ein feines Gespür für „unwägbare Verschiedenheiten“ und Grundlage der „Kunst des Nichtzunahetretens“. Entscheidend dabei sei Zartheit, „weil sie nie zu nahe noch auch zu ferne kommen läßt.“ Takt und Zartheit im Sinne Plessners empfiehlt auch von Thadden, angesichts einer Lage, in der wir wahrscheinlich mehr denn je darum wissen, dass Berührungen immer beides sein können: zu wenig und zu viel.

          In unserer heute ganz besonders berührungslosen und in Berührungsfragen jedoch schon länger verunsicherten Gesellschaft ist es in der Tat angebracht, auf Takt und Zartheit zu setzen. Und vielleicht sollte man die derzeit alltäglichen Tänze auf dem Eis nicht als Indiz einer verloren gegangenen Nähe begreifen, sondern als Chance, über die Möglichkeiten von Nähe neu zu verhandeln, mit und ohne Worte; als Gelegenheit, vorsichtig zu erkunden, welcher Körperkontakt verbindet und nicht verstört. Dass dafür keine vorgefassten Choreographien bereitstehen, öffnet Spielräume, zwischen Ritual und Reflexion. Unter der Vorgabe des Takts, wie ihn Plessner versteht, lässt sich improvisieren, ausgehend von dem kleinsten gemeinsamen Nenner – der Berührung, die von allen Seiten gemocht werden kann. Manchmal ist das: keine. Und damit man sich weder selbst noch gegenseitig überrumpelt, muss Zurückweichen ausgehalten werden. Es könnte linkisch, sperrig und mitunter befangen bleiben. Aber in Geduld damit konnten wir uns ja während der Pandemie üben. Unsere Berührungskultur mag durcheinandergeraten sein, und das nicht erst durch Corona. Doch womöglich sind wir jetzt besser aufgestellt für eine bewusstere und beweglichere Ordnung der Berührung.

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