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Corona und der Westen : Die zivilisatorische Kränkung

Rush Hour in der taiwanesischen Hauptstadt Taipeh am 17. März 2020 Bild: AN RONG XU/The New York Times/Re

Geben wir im Überlebenskampf Freiheit und Würde auf? Oder steckt hinter dieser Entgegensetzung derselbe Dünkel, der so viele im Westen davon abhielt, in der Pandemie von Ostasien zu lernen?

          5 Min.

          Am Ende der ersten kollektiven Quarantäne-Woche breitet sich das Gefühl einer eigentümlichen Zerrissenheit aus. Viele Wortmeldungen geben ihre Einsicht in die Notwendigkeit der massiven Maßnahmen zu Protokoll und zugleich ihren grundsätzlichen Zweifel daran: Kann es denn richtig sein, dass innerhalb kürzester Zeit all unser Lebensstil, unsere Freiheit, unsere Ökonomie und viele politische Institutionen einem obersten Ziel unterworfen werden, ohne dass man weiß, wie und wann das enden soll? Verantwortungsgefühl spricht aus solchem Unbehagen, aber auch hilfloser Trotz, ein Sich-Stemmen gegen die Ungewissheit, die über die Verhaltensweise des Virus und die Wirkung der Gegenmaßnahmen nach wie vor besteht.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die zivilisatorische Kränkung, die mit dieser Ungewissheit verbunden wird, hat besonders prägnant der italienische Philosoph Giorgio Agamben formuliert. In der Corona-Bekämpfung glaubt er eine fatale Fixierung auf „das nackte Leben“ zu erkennen: „Was ist das für eine Gesellschaft, die keinen anderen Wert mehr hat als das eigene Überleben?“ Wenn man das „Leben auf eine rein biologische Funktion“ reduziere, liege auch die Bereitschaft zum Ausnahmezustand, zur Aufgabe der Freiheit, nahe. Der Bonner Philosoph Markus Gabriel, der den Eingriff „in die Freiheitsstruktur aller“ beklagt, pflichtet ihm bei: „Individuen werden nicht als moralische Akteure, mithin als Träger von Menschenwürde, sondern primär als Virenträger angesehen.“

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