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Krise der großen Theorien : Warum wir gerade lieber Drosten als Sloterdijk hören

Es geht um den Umgang mit Ungewissheit und unvollständigem Wissen: Der Kulturwissenschaftler Joseph Vogl und die Nachhaltigkeitsforscherin Maja Göpel. Bild: Kat Menschik

Alle großen Theoretiker haben sich schon zu Wort gemeldet. Aber die Begriffe und Lösungen, mit denen sie daherkommen, sind die alten. Ihre Selbstgewissheit führt uns in der Corona-Krise nicht weiter.

          8 Min.

          Als im März die Kontaktsperre verhängt wurde, befragte der „Tagesspiegel“ den Politikwissenschaftler Herfried Münkler zum Ausnahmezustand: „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet, hat der Staatsrechtler Carl Schmitt gesagt. Ist Angela Merkel in der Corona-Krise in diesem Sinne souverän?“

          Julia Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Münkler reagierte gelassen. Den Ausnahmezustand im juristischen Sinne habe die Kanzlerin nicht ausgerufen. Aber es stimme, die Bundesregierung gehe in diese Richtung, indem sie den Normalzustand beende, die Bewegungsfreiheit einschränke und andere harte Regulierungen vornehme. Allerdings habe er den Eindruck, dass die meisten Menschen dagegen nicht aufbegehrten, sondern dies beim Kampf gegen das Virus für hilfreich hielten. Eine Gefahr für die Demokratie sah Münkler in der Bundesrepublik nicht.

          Das Ende der Normalität

          Das sahen und sehen andere – nicht speziell für Deutschland, sondern ganz allgemein – allerdings anders, allen voran der italienische Philosoph Giorgio Agamben, Theoretiker des Ausnahmezustands, der in mehreren von der „NZZ“ übersetzten Texten Alarm schlug: „Der Ausnahmezustand, auf den uns die Regierungen seit geraumer Zeit einstimmen, ist zu unserem Normalzustand geworden“, schrieb Agamben Mitte März. „Es kam in der Vergangenheit zu schlimmeren Epidemien als der heutigen, aber niemand hatte jemals daran gedacht, deshalb einen Notstand wie den jetzigen auszurufen, der uns sogar daran hindert, uns frei zu bewegen. Wir leben in der Tat in einer Gesellschaft, die die Freiheit zugunsten der sogenannten Sicherheitsgründe geopfert und sich selber dazu verurteilt hat, in einem ständigen Angst- und Unsicherheitszustand zu leben.“

          Der Philosoph Giorgio Agamben, Theoretiker des Ausnahmezustands, schlug in mehreren Text Alarm.

          Ähnlich schrill verkündete der Philosoph Peter Sloterdijk in „Le Point“: „Das westliche System wird sich als ebenso autoritär erweisen wie das Chinas“, zudem sprach er von einer „Machtergreifung der ,Securitokratie‘ unter dem Deckmantel der ,Medicokratie‘“. Und dann kam noch Slavoj Žižek, distanzierte sich von Agamben, drehte die Sache um und träumte davon, dass das Coronavirus endlich zu einer kommunistischen Gesellschaft führen könne: „Wir reden hier natürlich nicht vom Kommunismus alten Stils, sondern von einer Art globaler Organisation“, schrieb er in der „Welt“, „die die Wirtschaft kontrollieren und regulieren sowie bei Bedarf die Souveränität der Nationalstaaten einschränken kann“.

          Der slowenische Philosoph Slavoj Žižek sieht den Kommunismus am Horizont der Krise.

          So stellte sich ein seltsamer Effekt ein: Durch die Corona-Pandemie befinden wir alle uns in einer völlig einmaligen Lage, das Virus ist neu, die Faktenlage unsicher, sichere Prognosen sind unmöglich. Aber die Begriffe, mit denen die großen Theoretiker daherkommen, sind ihre alten. Sie sagen einfach, was sie immer schon gesagt haben; nehmen ihre bekannten Erklärungsmuster, stülpen sie der gegenwärtigen Situation über – und nichts Neues geht daraus hervor.

          Auch deshalb verfolgt man die Aussagen etwa des Virologen Christian Drosten so gebannt, weil dieser seine Position wegen neu vorgelegter Studien und gerade gewonnener Ergebnisse von Folge zu Folge seines bekannten Podcasts bei NDR-Info immer wieder überdenkt, revidiert und die Bedingungen und Grenzen seiner Erkenntnis dabei reflektiert. Das ist nicht nur hochspannend, sondern auch deswegen faszinierend, weil er uns so am komplexen Prozess der Theoriebildung und neuen Erkenntnisgewinnung praktisch live teilhaben lässt.

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