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Krise der großen Theorien : Warum wir gerade lieber Drosten als Sloterdijk hören

„Es fehlt das Eingeständnis, dass sich die gegenwärtige Situation nicht auf eine Generalformel bringen lässt.“ Mit einem älteren Ausdruck könne man für ein „ideographisches“ Vorgehen plädieren, sagt er und zitiert damit einen Ausdruck des Philosophen Wilhelm Windelband. Dieses versuche, das gegenwärtige Geschehen in seiner Besonderheit, im Zusammenwirken von Verhaltensweisen, Rechtsnormen, medizinischen Expertisen, politischen Handlungsformen, ökonomischen und sozialen Infrastrukturen zu fassen. In ihren Stellungnahmen interessieren sich weder Agamben noch Sloterdijk für jene an Covid-19 Erkrankten, die sterben oder schon gestorben sind. Sie zeigen auch kein Mitgefühl. Sie argumentieren aus der „Schiffbruch mit Zuschauer“-Perspektive heraus, und vielleicht ist es dieser Standpunkt, der den Effekt der Leblosigkeit mit sich bringt: Mit dem, was sie bezeichnen sollen, stehen ihre Begriffe in keinerlei Austausch, und ihre Autoren legen Wert darauf, zumindest den Anschein zu erwecken, nicht involviert zu sein.

Eine Generalformel gibt es nicht

Inwiefern eine Theorie, die nicht an dem teilhat, was auf dem Spiel steht, uns nicht weiterbringt, sieht man in diesen Wochen wohl noch schärfer als sonst. Sie ist am Ende nicht viel mehr als ein zynischer Kommentar. Wenn es um Teilhabe geht, müssen Theorie und Praxis ineinander greifen. „Unsere Welt neu denken“ heißt das gerade bei Ullstein erschienene Buch der Gesellschaftswissenschaftlerin und Nachhaltigkeitsforscherin Maja Göpel, die als Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirates der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen arbeitet; ein Gremium unabhängiger Expertinnen und Experten, das den Wissensstand zu den wichtigsten Umwelttrends zusammenträgt, damit politische Entscheidungsträger sich daran orientieren können.

Sie hat ihren Bestseller vor der Corona-Pandemie geschrieben. Muss sie unsere Welt jetzt nochmal neu denken? Im Prinzip sei durch die Krise vieles direkt sichtbar geworden, was sie beschrieben habe, sagt Göpel im Gespräch. „Menschen sind biologische Wesen, und sie sind nicht getrennt von der Natur: Die Gesundheit unserer Ökosysteme und die Gesundheit der Menschen hängen miteinander zusammen. Viren springen häufiger über, wenn wir Lebensräume der Tiere zerstören und die Biodiversität abnimmt. Todesfälle sind höher in Regionen, in denen auch hohe Luftverschmutzung die Atemwege strapaziert hatte. Obduktionen zeigen Vorbelastungen mit Diabetes, Übergewicht und Bluthochdruck, also Phänomene die vorher schon als Zivilisationskrankheiten bezeichnet wurden.“

Ihr Hauptinteresse gelte der politischen Ökonomie, schreibt sie: Woher kommen die Ideen, die das Zusammenleben und die Beziehungen zur Natur und zu anderen Menschen bestimmen? Und warum, so formuliert sie, „sind die Ideen, die sich in den letzten zweihundertfünfzig Jahren in Theorien verstetigt haben, heute nicht unbedingt hilfreich, um aus der Krise unserer Ökosysteme und Gesellschaften eine Chance für die Zukunft zu machen?“

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