https://www.faz.net/-gqz-9xhta

Corona-Pandemie : Die Unterbrechung

Ein Zelt als Warteraum vor der Coronavirus-Untersuchungsstelle der DRK Kliniken Berlin Westend. Bild: dpa

In ruhigen Zeiten kann man die Gewohnheiten des Lebens mit dem Leben selbst verwechseln. Das geht jetzt nicht mehr: Die Corona-Pandemie stellt Selbstverständlichkeiten der Gesellschaft in Frage. Darin liegt eine Gefahr. Aber auch eine Chance.

          6 Min.

          Die abrupte Veränderung des Lebens in der vergangenen Woche ist mit den dramatischen Appellen, den Börsenstürzen, den gecancelten Bundesligaspielen, den Schulschließungen und den vielen hundert Absagen von großen und kleinen Festivals, Ausstellungen, Kongressen und privaten Zusammenkünften noch nicht annähernd umrissen. Seitdem Gesundheitsminister Jens Spahn am Sonntag in sechs Tweets das Verbot aller Großveranstaltungen empfahl und zu sozialer Zurückhaltung ganz allgemein aufrief, hat das offizielle Deutschland die Fiktion der Normalität, an der es im Angesicht des Coronavirus bis dahin festgehalten hatte, hinter sich gelassen. Noch in der Woche zuvor hatten Politiker vor allem die Parole ausgegeben, das Wichtigste sei Panikvermeidung und die Aufrechterhaltung des gewöhnlichen Lebens, deshalb gelte es, sich vor allen „übertriebenen Maßnahmen“ zu hüten und ansonsten auf das Händewaschen zu konzentrieren. Und nun diese Disruption. Die Chronologie der vergangenen Woche war die Chronologie einer sprunghaft zunehmenden Bereitschaft, alles Gewohnte im Leben der Gesellschaft zu überprüfen.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Nicht nur für den Staat, sondern auch für jeden Einzelnen stellen sich plötzlich sehr grundsätzliche, grundstürzende Fragen. Worauf kann man sich eigentlich stützen, wenn man einschätzen will, was verhältnismäßig, was gefährlich, was notwendig – was „real“ ist? Das eine sind dabei die Beobachtungen und Berechnungen der Wissenschaftler, die sich allerdings wegen der Neuartigkeit des Virus und der vielen Unbekannten in Bezug auf sein Wesen und seine Verbreitung auch laufend fortentwickeln und ändern. Das andere aber ist, was aus diesen Einsichten für das Leben folgen soll, wie sie in ein Verhältnis zu dessen anderen Elementen zu bringen sind.

          Der Amtsarzt Patrick Larscheid, der Leiter des Berlin-Reinickendorfer Gesundheitsamts, ist einer der Menschen, die sich im Kampf gegen die Epidemie besonders aufreiben. Zusammen mit seinen sämtlichen Berliner Amtsarztkollegen hat er Mitte der Woche einen dringenden Appell an den Senat gerichtet, nicht nur die großen, sondern alle Veranstaltungen in der Stadt zu verbieten. In einem Interview mit dem „Tagesspiegel“ sagte er: „Wir leben ja in der Gewissheit, dass alle Dinge so sind, wie sie sind: Ich gehe ins Kino, ich gehe ins Theater, ich gehe einkaufen, ich fahre tanken – alles funktioniert ganz selbstverständlich. Dass das immer Voraussetzungen hat, wird gar nicht wahrgenommen.“

          In ruhigen Zeiten kann man, mit anderen Worten, die Konventionen und Gewohnheiten des Lebens gefahrlos mit dem Leben selbst verwechseln und auf sie seine Pläne, seine Ansichten, seine sogenannte Identität bauen. Doch in einer Zeit der unmittelbaren Bedrohung des Lebens ist das nicht möglich. Die Politik und jeder Einzelne sehen sich gezwungen, gewohnte Schemata hinter sich zu lassen, um die einzelnen Elemente der Gesellschaft – so unterschiedliche, aber eng zusammenhängende Aspekte wie Gesundheit, Arbeit, Schule, Geld, Sicherheit, Beziehungen zu anderen – von neuem in ein Verhältnis zueinander zu bringen. Was ist notwendig, was ist verzichtbar? Wie wirken die einzelnen Teile aufeinander ein? Mit großem Ernst haben Politiker im Verlauf der Woche solche Fragen gestellt, etwa wenn sie betonten, dass die staatlichen Organe weiter funktionieren müssen und auch die Polizei und die Krankenhäuser. Wenn also zum Beispiel Schulen geschlossen werden, muss sichergestellt sein, dass diese Funktionen durch die dann notwendig werdende Betreuung jüngerer Schulkinder nicht gefährdet sind. Plötzlich muss jede Gesellschaft Prioritäten setzen, an die sie gerade noch nicht denken zu müssen meinte und die vieles vermeintlich Selbstverständliche in Frage stellen.

          Weitere Themen

          Chinas deutscher Kronzeuge

          Corona und Propaganda : Chinas deutscher Kronzeuge

          Das Coronavirus stamme gar nicht aus Wuhan, verbreitet das chinesische Staatsfernsehen – und zitiert den Virologen Alexander Kekulé. Doch der hat das gar nicht gesagt. Das Verwirrspiel zeigt Wirkung.

          Topmeldungen

          Eine ANimation des Geräts, dass Weltraum-Müll abschleppen soll.

          Müllmission : Wie Europa im Weltall aufräumt

          Die ESA vergibt erstmals einen Auftrag für einen Abschlepp-Satelliten, um Schrott im All zu beseitigen. Die Mission soll Schule machen, doch es gibt viel zu tun. Umweltbewusstsein ist im Weltraum noch nicht angekommen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.