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Corona-Leugner in Berlin : Tag der Wutbürger

Dicht gedrängt, zumeist ohne Mundschutz: Teilnehmer der Kundgebung gegen die Corona-Beschränkungen in Berlin Bild: dpa

Die Infektionszahlen seien gefälscht, alle Journalisten gekauft und Bill Gates steuere die Medien: 20.000 Menschen ziehen durch Berlin, um gegen die Corona-Einschränkungen zu protestieren. Sieht so ein unfreies Land aus?

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          Es sollte ein Tag der Freiheit werden. Das war an diesem Wochenende in Berlin immer wieder zu hören. Großes stehe uns bevor: der Beginn einer neuen Ära. Wir dürften uns nicht länger fremdbestimmen lassen von den „gleichgeschalteten Medien“ und der Regierung, „die uns eine Schlinge um den Hals legt“. Mutige Bürger gingen fortan den Weg der Selbstbestimmung.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          „Das Ende der Pandemie – Der Tag der Freiheit“ lautete das Motto der Demonstranten und Corona-Leugner, die sich am Samstag in Berlin versammelten. Zu den Veranstaltern gehörte unter anderem die Stuttgarter Bewegung „Querdenken 711“. Die Demonstranten wollen nicht Virus-Leugner genannt werden, streiten aber jegliche Gefahr des Coronavirus ab. Sie behaupten, keine Verschwörungstheoretiker zu sein, sind aber überzeugt, dass die Infektionszahlen gefälscht und alle Journalisten gekauft sind, dass das Robert-Koch-Institut Lügen verbreitet und Bill Gates die deutschen Medien steuert.

          Die Pandemie gibt es nicht, sagen sie

          Unermüdlich skandiert die Masse: „Wir sind laut, weil ihr unsere Freiheit klaut.“ Die Bilder dieses Protesttages sprechen eine andere Sprache: Etwa 20.000 Menschen ziehen durch Berlin, mit Trommeln und Sprechchören, es ist ihnen erlaubt, zu demonstrieren, sie sind wütend, aber friedlich, Masken sieht man keine – und die Polizei erlaubt es ihnen über Stunden, ihren Ärger zu äußern. Sieht so ein unfreies Land aus? Man dürfe hier ja gar nichts mehr, sagt eine Frau, die siebzig Jahre alt ist. Das Tragen der Maske sei furchtbar lästig, und die Lokale seien alle geschlossen, und demonstrieren dürfe man auch nicht. Aber das tue sie doch gerade? „Na, wir machen das eben einfach.“ Dass das Versammlungsverbot nicht mehr gilt und die Lokale längst wieder geöffnet sind, beeindruckt sie nicht. Sie weiß, wer ihr die Freiheit klaut: die Regierung und die Lügenpresse.

          Eine Demonstrantin mit einem Netz vor dem Mund hält ein Schild hoch: „Mein Leben, mein Körper, meine Entscheidung“
          Eine Demonstrantin mit einem Netz vor dem Mund hält ein Schild hoch: „Mein Leben, mein Körper, meine Entscheidung“ : Bild: EPA

          „Querdenker“ nennen die entschlossenen Demonstranten sich, und sie erfüllen bei weitem nicht alle negativen Erwartungen ihrer Gegner. Linksextremes, rechtsextremes, faschistisches und menschenverachtendes Gedankengut habe in dieser Bewegung keinen Platz, heißt es auf der Kundgebung. Ganz so einfach ist es dann doch nicht, denn einige Fahnen und Transparente aus rechtsextremen Kreisen sind durchaus zu sehen. Zwei Frauen zucken mit den Schultern: „Wenn sich darunter ein paar Rechtsextreme mischen, ist das eben so, da kann man dann auch nichts machen.“ Früher hätten sie sich nicht für Politik interessiert. Die Corona-Zeit habe sie politisiert. Das sei ihre erste Demo, sagt eine der beiden, um die fünfzig. Ihre Freundin pflichtet ihr bei: „Wir sind weder links noch rechts. Wir sind eine Friedensbewegung.“

          Von der Bühne schallt Gitarrenmusik, die tatsächlich an alte pazifistische Zeiten erinnert. Im Duett singen ein Mann und eine Frau von der Angst, die uns krank mache und uns zermürbe – einer Angst, die uns, wie jemand sagt, „die selektive negative Propaganda in diesem Land“ einflöße. Und so ist an diesem Ort auch positives Denken angesagt: „Querdenken heißt für mich Liebe, Freiheit, Wahrheit“!, ruft einer der Initiatoren durchs Mikrofon. Es gehe um unsere „Herzensenergie“. Alle sollten die Welt mit dem Herzen anschauen, wie es schon in dem Buch „Der kleine Prinz“ steht. So könnten wir erkennen, dass es keine Pandemie gebe. Er sehe „ganz viele Kinder des Lichts“ – und schließlich: „Dieses Licht tragen wir heute in die Welt. Ihr alle seid Teil dieses Lichts.“

          Angst? Sie winken ab

          Was ist das? Ein Meditationskurs für Anfänger? Geht es nach ihren Anführern, ist der Weg zur Erleuchtung jedenfalls nicht mehr weit. Die Anleihen aus der linken Protestkultur sind gleichwohl nicht zu übersehen. „Erkennen, erwachen, verändern“, steht auf manchen T-Shirts; wüsste man es nicht besser, könnte man dahinter auch ein emanzipatorisches Projekt der Linken vermuten. Einer trägt ein Transparent, auf dem Gandhi zu sehen ist. Ein anderer singt einen Song mit dem Refrain: „Der Widerstand ist da à la Che Guevara.“

          Und auch die renitente Impfgegnerschaft gibt es schon seit langem in so manchen linken Kreisen. Trotzdem würde sich hier wohl keiner ihnen zuordnen. Niemals würde er sich impfen lassen, stellt ein Mann klar, der mit seiner Frau aus München angereist ist. Er sei 1941 gezeugt worden, „nach dem großartigen Sieg über Frankreich“. Ob sie in ihrem Alter denn gar keine Angst vor einer Ansteckung hätten? Sie winken ab. Das sei doch alles Hysterie. Die Fakten sagten etwas anderes.

          Unterdessen steigen die Infektionszahlen dramatisch an. Doch die Masse ruft: „Masken weg! Wir sind das Volk.“

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