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Londons Kultur-Rettungspaket : Hilft viel auch viel?

  • -Aktualisiert am

Auch das National Theatre in London hat 400 seiner Aushilfskräfte mitgeteilt, dass ihre Stellen nicht mehr haltbar seien. Ob das Hilfspaket diese Kürzungen abwenden wird, ist bisher unklar. Bild: dpa

Londons Rettungspaket für die Kultur übertrifft die Erwartungen der Branche. Trotzdem kann es bloß Erste Hilfe leisten – zumal unklar ist, wann und wie Konzertsäle und Theater wieder öffnen. Für einige Organisationen kommt die Rettung indes zu spät.

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          Selten hat der britische Kultursektor ein gutes Wort für die Regierung übrig. Das hat sich mit der gestrigen Ankündigung eines Corona-Rettungspakets in Höhe von knapp 1,6 Milliarden Pfund schlagartig verändert. Mit spürbarer Erleichterung haben führende Akteure der Bühnenwelt, der Museen, des Denkmalschutzes und anderer Bereiche der Kreativbranchen des Königreichs auf die Ankündigung dieser Geldspritze reagiert. Premierminister Johnson nutzt jede Gelegenheit, die Leistungen seiner Nation mit dem Adjektiv „weltbeste“ zu kennzeichnen – so etwa bei einer Coronatest- und -Kontaktverfolgungs-App, die er im Mai in Aussicht stellte, einen Monat später jedoch nach einer peinlichen Kehrtwende begraben musste. Im Zusammenhang mit dem britischen Kultursektor ist seine Vorliebe für übertriebene Behauptungen weniger unangebracht.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Vom Geschäftsführer der Covent-Garden-Oper über den Leiter der Royal Shakespeare Company, den Dirigenten Simon Rattle und den Musical-Komponisten Andrew Lloyd Webber bis hin zu den Direktoren der großen staatlichen Museen in London stimmten Kulturmanager und Künstler in den Chor der Zustimmung ein. Obwohl das Paket in seiner Mischform aus Zuschüssen und günstigen Leihgaben bloß Erste Hilfe leisten kann – zumal unklar ist, wann und wie die darstellenden Künste angesichts fortdauernder Abstandsvorschriften wieder in Gang kommen werden –, übertrifft es die Erwartungen der Branche. Einer düsteren Prognose des Wirtschaftsforschungsinstituts Oxford Economics zufolge stand der Kulturbetrieb angesichts des bis zum Jahresende erwarteten Verlusts eines Fünftels seiner Arbeitsplätze vor einer Katastrophe mit verheerenden Folgen. Nach den Worten des Kulturministers soll das landesweite Hilfsprogramm nun dazu beitragen, „den Sturm zu überstehen“. Es sieht auch finanzielle Mittel zur Wiederaufnahme von Bauarbeiten an Kulturprojekten und Kulturerbestätten vor.

          Für einige Organisationen kommt die Rettung indes zu spät. Die ohnehin von der Hand in den Mund lebenden regionalen Bühnen sind besonders hart vom Lockdown getroffen worden. Das Nuffield Southampton Theatre, das zwei Bühnen in der südenglischen Hafenstadt betrieb, hat bereits im Mai Insolvenz angemeldet und 86 Mitarbeiter entlassen. Das Leicester Haymarket Theatre ist in Konkurs gegangen, und das Royal Exchange Theatre in Manchester hat in der vergangenen Woche betriebsbedingte Kündigungen für 65 Prozent seiner Belegschaft signalisiert. Aber auch das National Theatre in London hat vierhundert seiner Aushilfskräfte mitgeteilt, dass ihre Stellen nach der im August in Kraft tretenden Einschränkung des staatlichen Lohnersatzes nicht mehr haltbar seien. Noch ist unklar, ob das Hilfspaket diese Kürzungen abwenden wird.

          Wie viele Musik- und Theaterbetreiber monieren, gehört es zu den Ungereimtheiten der britischen Corona-Maßnahmen, dass Urlauber inzwischen stundenlang eng aneinandergepresst im Flugzeug sitzen dürfen, Zuschauer jedoch trotz besserer Bedingungen nicht zu Musik- und Theaterveranstaltungen zugelassen sind. Einige Betriebe wie die privat subventionierte Glyndebourne-Oper behelfen sich mit bescheidenen Aufführungen im Freien für ein beschränktes Publikum. Während die Museen nach und nach öffnen werden – die National Gallery macht vor anderen großen Museen am kommenden Mittwoch den Anfang –, warten Konzertsäle, Theater und Opernhäuser ungeduldig auf einen von der Regierung in Aussicht gestellten Fahrplan. Unterdessen ist es dem Regisseur Sam Mendes gelungen, dem Medienunternehmen Netflix ins Gewissen zu reden, einen „Bruchteil“ seiner dem Lockdown zu verdankenden Gewinne zu stiften, um hilfsbedürftigen Freischaffenden im britischen Theaterbetrieb, die keine staatliche Unterstützung erhalten, mit einer einmaligen Zuwendung von jeweils tausend Pfund unter die Arme zu greifen.

          Kulturminister Dowden gestand ein, dass nicht alle Organisationen überleben würden und nicht jede Stelle geschützt werden könne. Einzelne Betriebe müssen sich beim Kulturministerium um die zur Verfügung stehenden Gelder bewerben. Als Kriterium nannte Dowden einen Nachweis des Beitrags des jeweiligen Antragstellers zum allgemeinen wirtschaftlichen Wachstum. Vorrang hätten die bedürftigsten Institutionen, angefangen bei den „Kronjuwelen“ der Nation. Dazu zählt der Minister die Royal Albert Hall, die bereits gewarnt hat, dass sie bis zum 150. Jahrestag ihres Bestehens im März 2021 nicht durchhalten könne. Sir Simon Rattle sprach der ganzen Kulturbranche aus der Seele mit seiner Forderung, die jetzt gewährten Gelder so schnell wie möglich zu verteilen.

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