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Corona in Mexiko : Denn sie fürchten den Tod nicht

Dia de los muertos, Tag der Toten, in Mexiko Bild: AFP

Wo Ärzte gejagt und Krankenstationen attackiert werden, man große Hochzeiten feiert und der Präsident im Fernsehen geschönte Zahlen präsentiert: über den kollektiven Corona-Verdrängungswettbewerb Mexikos.

  • -Aktualisiert am
          5 Min.

          Wer wissen will, wie gut sich Mexiko in der Corona-Krise schlägt, muss nur jeden Morgen um sieben Uhr Ortszeit die Pressekonferenz einschalten, die Präsident López Obrador im Nationalpalast von Mexiko-Stadt abhält. Das Virus? Gezähmt. Die Infektionskurve? Längst abgeflacht. Der Verlauf? Besser als in den meisten anderen Ländern. Überhaupt: Das Virus komme wie gerufen, passend wie ein Ring auf den Finger. „Vamos bien!“, so das Mantra des Staatsoberhaupts, „wir sind auf einem guten Weg“.

          Draußen, vor dem Palacio Nacional, herrscht eine andere Realität. In den Krankenhäusern der Hauptstadtregion kämpfen in diesen Tagen 1500 Menschen an Beatmungsschläuchen um ihr Leben. Auf den Straßen von Mexiko-Stadt, Acapulco und Tijuana sterben Infizierte, abgewiesen von einem überfüllten Krankenhaus nach dem anderen. Innerhalb weniger Wochen ist Mexiko in der weltweiten Corona-Statistik weit nach vorn gerückt, mit über 16.000 Verstorbenen steht es mittlerweile an 14. Stelle. Tatsächlich gehen Experten und NGOs von dreimal so vielen aus.

          Kaum irgendwo auf der Welt klaffen Fallzahlen und gefühlte Wirklichkeit so weit auseinander wie in Mexiko. Nicht nur die Regierung übt sich in Realitätsverweigerung. Auch weite Teile der Bevölkerung wollen das Virus nicht wahrhaben. In Chiapas attackiert ein Mob eine mobile Krankenstation und zündet das Haus des Bürgermeisters an, überzeugt, das Virus sei eine Erfindung. In einem Dorf in der Sierra von Oaxaca wird der einzige Arzt aus dem Ort gejagt, weil er bei einem Verstorbenen das Coronavirus nachwies. In Chihuahua beschießen Dorfbewohner ein Reinigungsfahrzeug beim Desinfizieren der Straßen. Es häufen sich Überfälle und Chlorattacken auf medizinisches Personal, während immer wieder Nachrichten von gut besuchten Hochzeits- und Geburtstagsfeiern die Runde machen.

          In der Rolle des jovialen Onkels

          Statt die Krankheit zu bekämpfen, richten viele Mexikaner ihre Wut gegen deren Symptome. Statt die Epidemie einzudämmen, verbannt man alles, was an sie erinnert. Ein kollektiver Verdrängungswettbewerb, angeführt vom Präsidenten selbst. Andrés Manuel López Obrador, genannt AMLO, ist ein begnadeter Populist, ausgestattet mit einem feinen Gespür für die Sehnsüchte der Massen. In der Corona-Krise entscheidet er sich für die Rolle des jovialen Onkels, der seine Schützlinge beruhigt, indem er ihnen eine schöne Geschichte vorliest.

          Ende Mai 2020: Andrés Manuel López Obrador, Präsident von Mexiko, auf einer Pressekonferenz im Nationalpalast.
          Ende Mai 2020: Andrés Manuel López Obrador, Präsident von Mexiko, auf einer Pressekonferenz im Nationalpalast. : Bild: EPA

          Während die Kurve der Corona-Toten exponentiell ansteigt, ist sie bei AMLO „abgeflacht“, gar „horizontal“. Während sich die Zahl der Infizierten alle vierzehn Tage verdoppelt, wiederholt AMLO seit Wochen, die Pandemie sei „gezähmt“. Als im ganzen Stadtgebiet nur noch in zwei Krankenhäusern Intensivbetten frei waren, verkündete er vor versammelter Presse, ein Überlaufen der Krankenhäuser habe man abwenden können.

          AMLOs Beliebtheit tut das keinen Abbruch. Trotz täglich neuer Corona-Rekordzahlen liegen seine Zustimmungswerte weit über sechzig Prozent. Hand in Hand begeben sich Präsident und Anhänger in eine alternative Wohlfühl-Wirklichkeit, abgelöst von Fakten und Statistik.

          Ist Obrador ein Gaukler, der das Volk an der Nase herumführt? Oder gibt hier nur einer genau das Stück, nach dem das Publikum verlangt? Sender und Empfänger befinden sich in einer Rückkopplungsschleife, aus deren Zusammenspiel die perfekte Illusion entsteht. Sucht man die Ursachen für das einverständliche Ausblenden der Wirklichkeit, lohnt sich ein Blick auf die Kultur und Geschichte des Landes. Fünf Faktoren fallen ins Auge:

          Erstens: ein tief verwurzelter Wunder- und Aberglaube. Unvergessen der Moment, als AMLO Mitte März vor versammelter Presse einen Stofffetzen aus der Jackettasche fummelte und verkündete, dieses Amulett bilde neben seiner ausgesprochenen Ehrlichkeit seinen Schutzschild gegen das Coronavirus. Das weitverbreitete Mindset: Was zählt, sind Gottvertrauen und positives Denken. Der unerschütterliche Glaube an das Gute wehrt das Unheil ab.

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