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Coronavirus in Italien : Die Reifeprüfung

Jeder sei nun gezwungen, sich als Teil einer politischen Gemeinschaft zu begreifen, sagt Antonio Scurati. Roms Bürgermeisterin Virginia Raggi signalisiert das auf dem Transparent mit den Worten „Alles wird gut“. Bild: EPA

Der Schriftsteller und Medientheoretiker Antonio Scurati beobachtet, wie sich Angst und Verantwortungslosigkeit in Zeiten des Coronavirus äußern: Eine vom Glück verwöhnte Generation wird herausgefordert. Ein Gespräch.

          6 Min.

          Ganz Italien ist Sperrzone. Bis auf Lebensmittelgeschäfte und Apotheken ist alles zu. Man darf seine Wohnung nur verlassen, wenn es absolut notwendig ist. Wie verbringen Sie Ihre Zeit zu Hause?

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Ich sitze eigentlich den ganzen Tag in meinem Büro, umringt von vielen Büchern, und schreibe. Ich arbeite gerade am zweiten Band meines Romans „M. Der Sohn des Jahrhunderts“, in dem es um Mussolini und den Faschismus geht. Wenn ich nicht schreibe, bin ich mit meiner Tochter zusammen. Sie ist zehn Jahre alt und seit drei Wochen zu Hause, da die Schulen schon so lange geschlossen sind. Unsere gemeinsamen Stunden verbringen wir eigentlich immer lesend. Wir machen es uns gemütlich, und ich lese ihr „Harry Potter“ vor. Es ist wunderbar. Abgesehen davon bin ich weiter als Dozent tätig und unterrichte jetzt vom Computer aus.

          Wie empfinden Sie das häusliche Eingeschlossensein?

          Eigentlich kann es für einen Schriftsteller ja nichts Besseres geben, als am Schreibtisch gefangen zu sein. Aber ohne den Lärm des Lebens draußen vor dem Fenster fühlt sich das Schreiben manchmal sinnlos an.

          Wie haben Sie Ihrer Tochter die Situation erklärt?

          Ihre Mutter und ich sind offen zu ihr. Es ist uns wichtig, dass sie nach und nach immer mehr über das Virus und die damit verbundenen Gefahren erfährt, damit es nicht irgendwann zu einer dramatischen Enthüllung kommen muss. Das funktioniert gut, sie zeigt keine Anzeichen von Angst oder Verzweiflung. Aber sie wird langsam ungeduldig und würde gerne wieder zur Schule gehen. Leider weiß niemand, ob eine solche Katastrophe die psychische Entwicklung eines Kindes beeinflusst und was in der Tiefe hängenbleibt. In meinen Kindheitserinnerungen ist die Angst, die 1973 einige Cholera-Fälle in Neapel, der Heimatstadt meiner Mutter, auslösten, noch sehr lebendig. Dabei war ich erst vier Jahre alt.

          Antonio Scurati.

          Die Entscheidung, ganz Italien zur Sperrzone zu machen, wurde getroffen, weil alle anderen Schritte gegen die Ausbreitung von Covid-19 keine Wirkung zeigten. Viele Italiener beharrten weiter auf ihrem Lebensstil, anstatt den Sicherheitsrichtlinien zu folgen. Wie kann so etwas passieren?

          Da muss ich widersprechen. So, wie Sie es ausdrücken, trifft es die Sache nicht. Ich finde, in Ihrer Frage schwingt ein gewisses Stereotyp über Italiener mit. Sicherlich, es wurden Fehler gemacht, wobei die meisten wahrscheinlich unvermeidbar waren. Grundsätzlich haben die Behörden jedoch sehr schnell reagiert und mehr unternommen als andere Länder, bei denen es später anfing. Wir sind nicht zum ersten Mal an der vordersten Front eines Problems, das ganz Europa betrifft. Es sollte uns nicht alleinlassen.

          Das ist kein Stereotyp! In den italienischen Medien gab es zahlreiche Berichte über Menschen, die sich nicht davor scheuten, am Skilift dicht an dicht Schlange zu stehen, oder die in Gruppen in Parks oder am Strand herumsaßen, um nur einige Beispiele zu nennen. Das alles geschah Tage nachdem die Regierung die Sicherheitsrichtlinien herausgegeben hatte. Abstand zu halten war einer ihrer Punkte.

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