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Hilflose Coronapolitik : Die große Kränkung der Deutschen

  • -Aktualisiert am

Als wir noch wer waren, in Fußball und Luftfahrt – die Nationalmannschaft kehrt im Juli 2014 als Weltmeister aus Brasilien zurück. Bild: Picture-Alliance

Die Hilflosigkeit in der Corona-Politik und im Impfmanagement zeigt: Wir sind schon lange nicht mehr da, wo wir uns selbst so gerne sehen – ganz vorne. Das kratzt am Selbstbild der Deutschen. Ein Gastbeitrag.

          5 Min.

          Ende Januar vergangenen Jahres war ich in Madrid. Zu diesem Zeitpunkt wusste man als Europäer schon von diesem Virus, das in China grassierte, und als ich nachmittags im Prado war, machte ich unwillkürlich einen Bogen um alle asiatisch aussehenden Besuchergruppen. Ich weiß, dass jetzt einige sofort „Rassismus“ rufen, und natürlich ist das Rassismus – ich erzähle es aber trotzdem, weil dies eines der vielen Beispiele dafür ist, dass rassistische Einstellungen keine kognitive Angelegenheit sind, sondern habituelle. Sie sind kulturell eingeübt und werden nicht beim bewussten Reflektieren und Erzählen wirksam, sondern im konkreten Verhalten. Genauso wie wir ein kulturell und kollektiv geprägtes Selbstbild mit uns herumtragen, das uns normalerweise wenig bewusst ist. Und deshalb führt mich das am eigenen Beispiel beobachtete Verhalten in das Zentrum eines Phänomens, das ich „die große Kränkung“ nennen möchte.

          Denn hinter meinem Ausweichen vor allem, was mir chinesisch vorkam, steckte die unbewusste Annahme, dass sich eine Viruspandemie ja wohl auf eine Ausbreitung unter diesen „Anderen“ beschränken würde. Ebola gibt es in Afrika, Sars in Asien, Corona in China, in Europa wird natürlich nichts dergleichen geschehen, so ist die Welt für den Mitteleuropäer vorsortiert. Naturkatastrophen, technische Großunfälle, Hungersnöte, Bürgerkriege, Pandemien passieren immer „da draußen“, aber doch nicht bei „uns“. Wohlgemerkt: Ein Habitus ist etwas Eingelebtes, und weil das nichts Kognitives ist, kommt das Denken auch nur schwer dagegen an.

          Die erste Reaktion auf das Virus war entsprechend: Dort passiert etwas, hier auf keinen Fall. Dieses Ding kam von einem dieser chinesischen Wildtiermärkte, ein Unding im wahrsten Sinn des Wortes, kann bei uns nicht passieren. Der Fortgang der Geschichte ist bekannt, aber dennoch interessant: Sie entfaltet sich ja wie ein dystopischer Roman oder ein Katastrophenfilm, die Story eines sich anbahnenden, dann eskalierenden Verhängnisses. Die erste Welle wird den Erwartungen entsprechend absolviert, und die Bundesrepublik gilt wieder mal als Musterland: Das Gesundheitssystem hat funktioniert und ist diesseits der Belastungsgrenze geblieben, die Todeszahlen sind im Vergleich gering, zählen statistisch wahrscheinlich nicht mal als Übersterblichkeit.

          Die Virologie warnt vor der „zweiten Welle“ im Herbst. Alle denken: „Zweite Welle, wieso zweite Welle?“ Und auch mal ganz lustig, so ein Urlaub im Erzgebirge. Überstanden. Dann kommt die zweite Welle, nicht im Herbst, sondern schon im August. Sie hält bis heute an, das Corona-Musterland-Selbstbild hat inzwischen stark gelitten. Die relativen Todeszahlen liegen auf dem Level der Vereinigten Staaten, Bundesregierung und Landesregierungen schaffen keine einheitliche Politik, Lockdowns in unterschiedlicher Dosierung – light, medium – lösen sich ab. Dann die Sache mit dem Impfstoff: Wieso sind „wir“, die EU, die Deutschen, nicht an erster Stelle eingereiht, wieso sind die Israelis, die Briten und womöglich noch viele andere eher dran als wir? Nicht genug gezahlt? Zu knickrig verhandelt? Was für eine Kränkung!

          Diese Storyline, die genauso gut von Frank Schätzing hätte erfunden werden können, hat etwas Unheimliches, vor allem, weil niemand ernsthaft gedacht hätte, dass so etwas „hier“ passieren könnte, in der gut organisierten, reichen Made-in-Germany-Wissensgesellschaft. Garniert wird die Geschichte noch vom Auftauchen merkwürdiger Protestler, leibhaftig gewordener Trolle und Verstrahlter, die bis dato nur eine untergründige Existenz im Netz führten und plötzlich ganz analog in Erscheinung treten und seltsame Dinge tun.

          Wo stehen wir Deutschen?

          Auch die wachsende Hilflosigkeit einer Politik, die weder beim Corona- noch beim Impfmanagement jene in Perfektion glänzende Rolle spielt wie in der „ersten Welle“, kratzt am Selbstbild der deutschen Gesellschaft – so etwas kennen wir hier nicht. Es hat etwas Kränkendes, nicht „ganz vorne“ zu sein, und noch kränkender ist, dass dies nur der vorläufige Höhepunkt in einer langen Kette von Erfahrungen der Mittelmäßigkeit ist. Bei der Elektromobilität machen Länder wie Norwegen dem Autoland Deutschland vor, wie man eine neue Technologie einführt, und gegenüber Tesla und chinesischen Anbietern sind die ehemaligen Technologieführer Audi, BMW, Mercedes, VW bloß Anbieter von zu großen alten Gurken. Die Deutsche Bahn, einst sprichwörtlich für Pünktlichkeit, ist heute Synonym für Unzuverlässigkeit und ein Unternehmen, über das man Witze macht. Der Berliner Flughafen ist gleich selbst ein Witz, mit seinen Pannen, seiner Zeitlupenbauzeit – und als sie ihn mit zehnjähriger Verspätung fertig hatten, flogen keine Flugzeuge mehr.

          Harald Welzer ist Direktor von Futurzwei – Stiftung Zukunftsfähigkeit und Mitglied im Rat für Digitale Ökologie. Er lehrt an den Universitäten Flensburg, St. Gallen und der ETH Zürich. Zuletzt erschien (mit Michel Friedman): „Zeitenwende. Der Angriff auf Demokratie und Menschenwürde“ (Kiepenheuer & Witsch, 288 Seiten, 22 Euro).
          Harald Welzer ist Direktor von Futurzwei – Stiftung Zukunftsfähigkeit und Mitglied im Rat für Digitale Ökologie. Er lehrt an den Universitäten Flensburg, St. Gallen und der ETH Zürich. Zuletzt erschien (mit Michel Friedman): „Zeitenwende. Der Angriff auf Demokratie und Menschenwürde“ (Kiepenheuer & Witsch, 288 Seiten, 22 Euro). : Bild: Robert Rieger

          Man könnte die Aufzählung des fortgesetzten Scheiterns endlos fortsetzen: Man baut in der Hauptstadt ein Stadtschloss nach, als wäre man Bürgermeister einer chinesischen Provinzmetropole, kriegt auch das nicht richtig fertig und weiß am Ende nicht mal, was man mit dem Ding eigentlich soll. Man kriegt die Schulen nicht digital ausgestattet, nicht mal in der Corona-Krise, wo es zum ersten Mal wirklich nötig wäre. Man kriegt die Brücken und andere Infrastrukturen nicht saniert, nicht mal in der Hochkonjunktur. Man verschläft jeden Strukturwandel, im Bergbau, in der Autoindustrie, und pumpt hinterher Milliarden in die Rettungslosigkeit. Und ruiniert die Windenergiewirtschaft.

          All dies kränkt, bewusst oder unbewusst, ein Selbstbild, das seit dem Kaiserreich von wirtschaftlichem Erfolg, von wissenschaftlicher Exzellenz, später vom Wirtschaftswunder und der sozialen Marktwirtschaft geprägt war und seit dem Zweiten Weltkrieg von wirklich tiefgreifenden Krisen verschont blieb. Man könnte jetzt über die geopolitischen Machtverschiebungen sprechen, die die EU und ihre größte Volkswirtschaft in dem Maße geschwächt hat, wie China aufgestiegen ist und sich etwa die Vereinigten Staaten, schon unter Obama, weit mehr nach Asien als nach Europa orientiert haben. Die außenpolitische Schwäche in den Konfliktregionen der Welt spiegelt den Bedeutungsverlust ebenso wie der Aufstieg der Autokratien. Auch der Brexit ist eine Kränkung.

          Der „Nachhinkeffekt“

          Das alles ist historisch nichts Besonderes. Aus Aufstiegsgesellschaften werden Abstiegsgesellschaften, das passiert. Interessanterweise hinken aber die Selbstbilder der Bewohnerinnen und Bewohner solcher Abstiegsgesellschaften dem eigentlichen Abstieg lange hinterher – der Soziologe Norbert Elias hat diesen „Nachhinkeffekt“ wunderbar am Beispiel der Niederländer beschrieben, die sich noch Generationen nach dem Niedergang als bedeutende Seemacht subjektiv als höchst wichtig und einflussreich empfanden, obwohl sie es lange schon nicht mehr waren. Man denke an Spanien, an England, an die Vereinigten Staaten, um sich diesen „Nachhinkeffekt“ plastisch vor Augen zu führen. Und die armen, konstitutiv in ihrer Identität unsicheren Deutschen, deren gefühlte Bedeutsamkeit sich so eng um ihre Ingenieurkunst, ihr sozialdemokratisches Arbeitsethos, ihren Wohlstand zentriert, verstehen gar nicht, warum sie und ihr Land jetzt mal nach hinten durchgereicht werden.

          Sozialpsychologisch ist eine solche Kränkung von Selbstbild und Habitus etwas, was man so lange wie möglich nicht zur Kenntnis nimmt und verdrängt. Das geht eine Weile gut, nagt aber im mentalen Untergrund und führt auch zu so seltsamen Erscheinungen wie Protesten gegen die Biologie und jenen neuen Wünschen nach „Austritt aus der Wirklichkeit“ (Peter Sloterdijk), wie sie hierzulande im Zuge von Corona und anderswo in Europa anhand des Aufstiegs des Populismus sichtbar werden. Und es führt zu jener seltsamen Starrheit und Unflexibilität in der politischen Klasse, die desto mehr an hergebrachten Strategien festhält, je deutlicher wird, dass sie nicht wirken. Man muss sich nur die Kultusministerkonferenz anschauen, wenn man wissen will, wie eine bedrohlicher werdende Wirklichkeit zum Festhalten am Vergangenen führt.

          Auftakt zum Wahljahr

          All das ist ungut zum Auftakt eines Wahljahrs in der anhaltenden Krise. Und natürlich werden die anstehenden Wahlkämpfe die Bereitschaft zur Selbsterkenntnis und zu einem mutigen, anpackenden, gar unkonventionellen Problemmanagement nochmals verringern. Das häufig bemühte Aperçu, dass man niemals eine gute Krise verschwenden dürfe, wird sich als gegenstandslos erweisen. Aus der Organisationspsychologie wissen wir, dass das Festhalten an den Erfolgsstrategien von früher naheliegend, aber der sicherste Weg zum Scheitern ist.

          Alles, was an Zukunftsfähigkeit nötig wäre – eine Befreiung des Bildungssystems von der Wettbewerbspädagogik des letzten Jahrhunderts, eine Digitalpolitik für den demokratischen Rechtsstaat, eine klima- und umweltpolitisch aufgeklärte Ökonomie –, wird gegen das Festhalten am Vergangenen keine Chance haben. Die große Kränkung übersetzt sich erst mal in die große Illusion, dass man immer noch ist, was man mal war.

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