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„Contergan“-Film : Die einzige Tablette

  • -Aktualisiert am

Der Schreck, die Gewissheit: Vera kämpft für ihre Contergan-geschädigte Tochter Bild: WDR/Willi Weber

Nach erbittertem Rechtsstreit darf Adolf Winkelmanns Fernsehfilm „Contergan“ nun endlich gesendet werden. Das Erste zeigt ihn am Mittwoch- und Donnerstagabend. Der Kampf darum kennt in Wahrheit nur Verlierer. Von Heinrich Wefing.

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          In wehender Robe stürzt der junge Anwalt Paul Wegener den Krankenhausflur hinunter, dem prägenden Moment seines Lebens entgegen. Gleich wird ihm ein Arzt eröffnen, seine Tochter Katrin sei „verkrüppelt“ zur Welt gekommen, ohne Arme, mit nur einem Bein, und nichts wird mehr so sein, wie es sich der erfolgsverwöhnte Jurist ausgemalt hatte. Dass er diesen einschneidenden Augenblick in seiner Robe erlebt, ist mehr als nur ein dramaturgischer Effekt, der die atemlose Hast zeigen soll, mit der Wegener direkt aus dem Gericht in den Kreißsaal jagt. Es ist auch ein Symbol: Privates und Berufliches werden sich fortan nicht mehr trennen lassen.

          Der Anwalt, den Benjamin Sadler in dem Fernsehfilm „Contergan“ immer eine Spur zu gutaussehend spielt, wird seine Karriere dem Kampf gegen das Pharmaunternehmen „Chemie Grünenthal“ widmen, dem Hersteller des schrecklichen Schlafmittels - ganz so, wie es seinerzeit der Rechtsanwalt Karl-Hermann Schulte-Hillen aus Siegen wirklich getan hat, der in den sechziger Jahren maßgeblich an der Aufdeckung des Contergan-Skandals beteiligt war und Grünenthal fast im Alleingang zur Zahlung einer Entschädigung in der damals beispiellosen Höhe von hundert Millionen Mark zwang.

          Eine Debatte mit emotionalem Glutkern

          Die Geschichte dieses juristischen Duells rekonstruiert der Zweiteiler „Contergan“ von Grimme-Preisträger Adolf Winkelmann, den die ARD am Mittwoch und Donnerstag jeweils zur besten Sendezeit zeigt. Aber der Film ist mehr als nur irgendein Unterhaltungsstück im Abendprogramm. Schon lange vor der Ausstrahlung ist „Contergan“ selbst zum Teil jenes Ringens geworden, von dem er erzählt (siehe auch: Ein Film über den Contergan-Skandal darf nicht gezeigt werden). Nicht nur die Firma Grünenthal, auch der mittlerweile betagte Karl-Hermann Schulte-Hillen, Vater eines contergangeschädigten Sohnes, warfen Winckelmann und seinem Drehbuchautor Benedikt Röskau vor, in ihrem Film fortwährend Tatsachen und Erfindungen zu vermischen und dadurch die Wahrheit zu entstellen.

          Von Anfang an müssen die Eltern ihr Kind beschützen - selbst vor dem Chefarzt
          Von Anfang an müssen die Eltern ihr Kind beschützen - selbst vor dem Chefarzt : Bild: WDR/Willi Weber

          Am Ende ging es um die Frage, wie nach fünfzig Jahren die Geschichte des größten Arzneimittelskandals der Bundesrepublik erzählt werden darf. Fünfzig Jahre, während deren aus den geschädigten Neugeborenen von einst längst Erwachsene geworden sind, Menschen, die sich mehr oder weniger in einem Leben mit fehlenden Gliedern und Prothesen und Schmerzen eingerichtet haben. Jeder auf seine Weise, mancher bitter, viele ungebrochen lebensfroh, manche mit staunenswerten öffentlichen Triumphen, wie der Bassbariton Thomas Quasthoff oder die Dressurreiterin Bettina Eistel, aber alle tagtäglich daran erinnert, was das Medikament Contergan aus ihnen gemacht hat. Das ist der emotionale Glutkern, der alle Debatten um den Film „Contergan“ aufgeheizt hat.

          Hat sich der Streit gelohnt? Die Antwort ist ernüchternd

          Bis vor das Bundesverfassungsgericht wurde die Auseinandersetzung getragen. Auch dafür steht die glänzende Robe, die Wegener in der Schlüsselszene im Krankenhaus trägt, wenn auch als unfreiwilliges Signal: Noch nie ist um eine deutsche Fernsehproduktion so lange und so heftig vor Gericht gestritten worden, bis schließlich das Oberlandesgericht Hamburg den Film mit einigen maßvollen Änderungen freigab (siehe auch: Urteile gegen Contergan-Film weitgehend aufgehoben). Nun endlich geht die Produktion auf Sendung, nun kann sich auch das Publikum ein Urteil darüber bilden, ob sich Zank und Gezerre und all die aufgepeitschten Emotionen gelohnt haben. Die Antwort muss ernüchternd ausfallen. Mögen auch alle Parteien Erfolge vermelden - recht eigentlich kennt der Kampf um den Film nur Verlierer.

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