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Nobelpreis für Peter Handke : Clowns auf Hetzjagd

  • -Aktualisiert am

Der Nobelpreisträger Peter Handke vor einer Woche in Chaville bei Paris Bild: Julien de Rosa/Epa-Efe/Rex

Beim Schauprozess gegen den Literaturnobelpreisträger Peter Handke auf Twitter ist von Literatur keine Rede. Auf Argumente wird weitgehend verzichtet. Ein Gastbeitrag.

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          Es geht gleich schief, als es losgeht: und zwar mit der – Hauptsache zitierfähigen – Aussage eines Fernsehkritikers, durch die Verleihung des Nobelpreises an einen bestimmten Schriftsteller habe „die politische Korrektheit eine krachende Ohrfeige erhalten“. Sofort wird der nervösen und bisweilen enervierenden Sprachsensibilität des ausgezeichneten Schriftstellers Hohn gespottet, um in einer Debatte, die den Schriftsteller nichts, den Fernsehkritiker aber alles angeht (denn dieser entblödete sich einst nicht, auf die Blackfacing-Debatte mit einem tatsächlichen Minstrel-Show-Blackfacing zu antworten), irgendwelche Siege oder Niederlagen zu verzeichnen. Der Schriftsteller, dem der Fernsehkritiker mit seiner schnalzenden Polarisierung vermeintlich beispringt, wird sofort festgetackert und instrumentalisiert. Die Weichen sind gestellt, der Zug wird entgleisen.

          Die Stunde eines anderen Schriftstellers hat geschlagen. Der wiederum – sonst eher aufgefallen mit niedlichen Selbstinszenierungen, das Spielzeugschwert auf dem Twitterprofil in der Hand bei ironisch grimmiger Miene, sonst eher bekannt für eine Literatur, die die Welt und ihre Bosheit meist aus der Perspektive eines unschuldig staunenden Jungen betrachtet: der also übernimmt und pumpt. Hochfrequent Tweet nach Tweet abfeuernd, will er dem Nobelpreisträger, einem „Genozidrelativierer“, an den poetischen Kragen, nutzt dabei aber seltsamerweise meist nicht Stellen aus dessen Texten, sondern immer wieder journalistische Sekundärfetzen, darunter einen, in dem der Nobelpreisträger entstellend falsch zitiert wird. Der hatte nämlich, zum zigsten Mal nach seiner Haltung in einer bestimmten Kriegsdebatte befragt, nicht gesagt, man solle sich seine „Leichen“, sondern vielmehr seine „Betroffenheit in den Arsch stecken“. (Diese Stelle zitiert dann eine international sehr bekannte Zeitung ebenfalls falsch. Die Stelle wird immer wieder falsch zitiert werden, bis ans Ende des Internets.)

          Perfide Mülltrennung?

          Fiebrig läuft die Beweisaufnahme. Ein twitterhyperaktiver Redakteur sendet Beleg nach Beleg hinterher, als seien Argumente einfach nicht mehr en vogue. Ein Journalist reagiert darauf mit einem Witz, der süffisant auftritt, aber kryptisch bleibt. Es sekundieren Hunderte von Klarnamen und Pseudonymen. Eine Journalistin tarnt eine Linksammlung als Artikel und betitelt diesen: „Perfide Mülltrennung“. Für das diesbezügliche Kompliment eines Followers bedankt sie sich, die Überschrift ist also mindestens von ihr gebilligt. Mit dem Müll, der da getrennt werden soll und nicht getrennt werden kann, sind Autor und Werk gemeint, und in anderen Kontexten würde die Journalistin wahrscheinlich spätestens genau hier von „Entmenschung“ oder „Hate Speech“ sprechen, denn einen Menschen als Müll zu bezeichnen, das sollte doch niemand tun? Die Journalistin tut es aber, wahrscheinlich unterläuft es ihr, ist eh alles zu verkopft mit der ganzen Sprachkritik, LOL. Die Literatur des Nobelpreisträgers kommt überhaupt nicht mehr vor, sie ist eigentlich verschwunden, genau wie in diesem Artikel. Kolportiert wird dann, dass der Nobelpreisträger mehrmals in seinem Leben handgreiflich wurde und dazu in einem jahrzehntealten Interview verlautbarte, er würde sich einem bestimmten Diktator „als Mensch“ manchmal „sehr nahe“ fühlen. Dass eine solche Aussage vielleicht mehr von den Ambivalenzen der menschlichen Psyche weiß als die Teilnahme an eigendynamischen Twitterprozessen; dass eine solche Aussage eben nicht hetzt, es sei denn, gegen sich selbst und ihren Urheber, das ist wahrscheinlich schon zu kompliziert gedacht.

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