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Nobelpreis für Peter Handke : Clowns auf Hetzjagd

  • -Aktualisiert am
Der Schriftsteller Thomas Melle

Was als Clownerie begann, endet auch mit einer solchen. Das Video einer Schauspielerin wird von der Redaktion eines Theaterrezensionsforums offiziell als Kommentar zum Nobelpreis gepostet. Lieber hätte man diesen Auftritt ignoriert, wenn sich daran nicht ablesen ließe, wie selbst seriöse Medien jegliche Orientierung in der Sache verloren haben. Die Schauspielerin ist in dem Clip als Harlekin verkleidet zu sehen, eine Figur, die wohl irgendwo zwischen Klamauk und Diskurs angesiedelt ist. Sie bringt den Nobelpreisträger denn auch prompt mit „Holocaustleugnern“ in Verbindung und setzt an zu diffamieren, „was dieser Mensch sagt“. Könnte dies nicht, nachdem inzwischen einige Feuilletonisten bereits abwägende, aber leisere Betrachtungen veröffentlicht haben, eine poppige Gelegenheit zur Auseinandersetzung bieten? Ja, was sagt „dieser Mensch“ eigentlich? Kein Wort dazu allerdings vom Harlekin, kein Primärzitat, nur ein namedroppender Schwenk auf andere böse Geistesgrößen. Schließlich wird der Nobelpreisträger noch als „Botschafter des Hasses“ markiert und grell verlacht, der Preis „massakriert“. Berechtigter Kritik wird so der rationale Boden entzogen. Es ist alles nur ein alberner Quatsch, stellt sich heraus, aber auf Facebook bekunden immerhin renommierte Theatermacherinnen und -macher mit einem Like ihre Zustimmung.

Man muss sich nicht auf Handkes Seite schlagen, um diese ungebremsten Effekte und Dynamiken zu kritisieren. Unverständlich ist einfach, wieso selbst die, die sich (und es ist so notwendig!) gegen den Hass, zumal den rechten, positionieren und für die Betroffenen und Diskriminierten einstehen, bisweilen dem Reiz des virtuellen Schauprozesses nachgeben und so selbst eine Unterform der symbolischen Gewalt ausüben, die ab einem bestimmten Punkt keine Dialektik mehr zu kennen scheint, keine Ambivalenzen und vor allem: kein Halten.

Thomas Melle ist Schriftsteller. Sein Roman „Die Welt im Rücken“ erschien 2016; bei den Nibelungenfestspielen in diesem Sommer wurde sein Stück „Überwältigung“ gespielt.

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