https://www.faz.net/-gqz-9se17

Nobelpreis für Peter Handke : Clowns auf Hetzjagd

  • -Aktualisiert am

Das Tempo diktiert die Fragmentarisierung, es muss fetzen. Der Nobelpreisträger wird vom anderen, inzwischen grippal erkrankten Schriftsteller (und an solchen Privatismen lassen uns die Internetnahbaren gerne teilhaben, das menschelnde Element darf nicht fehlen, um die faktische Verdammung des Feindes von einem weichgezeichneteren Standort aus geschehen zu lassen) qua Parallelisierung über den Ausdruck „mutige Entscheidung“ mit rechtsextremen Politikern assoziiert. Der erkrankte Schriftsteller twittert immer weiter, er zetert regelrecht und behauptet, damit „bis zur Verleihung“ weitermachen zu wollen. Auf Nachfrage eines Followers präzisiert er, er meine nicht die Vergabe des Deutschen Buchpreises, für den er nominiert ist, sondern die des Nobelpreises: ganz so, als wäre das Literaturpreisgewerbe der ganzen Welt irgendein hydraulisches Megakonstrukt, dessen moralischen Über- oder Unterdruck man, zumal als potentiell Bepreister, ständig regulieren müsse. Er erhält den Buchpreis, die Jury setzt diese Vergabe in der Laudatio plötzlich als Zeichen gegen die „Narrative der Geschichtsklitterer“, was womöglich allen Beteiligten noch leidtun wird, vor allem dem Buchpreisgewinner, dem ich persönlich diese Auszeichnung auch ohne eine solche Verlinkung-auf-immer gegönnt hätte. Aber er selbst hat sie ja nun einmal herbeigeführt.

Auf ernsthafte, eindringliche Weise, ganz im Gegensatz zu seinem bisherigen Auftreten in der Sache, bindet der Buchpreisgewinner dann in der Dankesrede sein Schicksal nochmals an die Worte oder eben an die ausgebliebenen Worte des Nobelpreisträgers, an das, was dieser „nicht beschreibt“. Dem ergeben sich alle, auch ich, hier spricht plötzlich das echte, entkommene Leben. Es ist ein nicht ganz lauterer move, aber unantastbar, und die Rede ist stimmig und gut. Seltsam jedoch, dass dieser Schriftsteller, nachdem er den Preis erhalten hat und noch den Freudenschrei seiner „Mama“ und seine bunten Socken retweeten musste, das Nobelpreisträger-Bashing sofort einstellt. Auch okay so, alles andere würde sich vielleicht zur Obsession auswachsen. Aber gleichzeitig ist nichts okay: The damage is done, und zwar auf allen Seiten.

Toxische Fetzen

Twitter, das den Puls der Meinungsmache vorgibt, richtet die Inhalte einfach auf diese Weise zu, formatiert sie in toxische Fetzen und süffisante Häppchen. Analogien und Pointen ersetzen Argumente und schaffen mit zunehmender Unschärfe eine Atmosphäre der Intellektuellenfeindlichkeit. Durch Blockierfunktion und ewige Verlinkung ergibt sich immer wieder und fast wie von selbst ein abgezirkelter Konsens, der einen fatalen Hang zum Ausschluss, zur Identität und zur Aburteilung hat. Beleg, Beleg, Witz, Socke, Beleg, Urteil. Dass der Nobelpreisträger in der besagten Kriegsdebatte eine zu kritisierende und schon tausendmal kritisierte Gegenposition aufrechterhielt, die eine andere und, nun ja, eher erwanderte Perspektive als die tatsächlich gängige aufscheinen ließ – eine, soweit ich das von hier aus überblicken kann, auch für mich befremdliche Perspektive, die aber vor allem mit Repräsentationskritik und einem lange schon laufenden Versuch der Transponierung von Wahrnehmung und Sprache zu tun hat –, das ist das eine. Dass er die Existenz der Massengräber nie geleugnet hat, ist das andere. Das spielt jedoch keine Rolle mehr. Uneindeutigkeit ist suspekt, und wer einmal etwas Böses tat, kann nachträglich stets und wiederholt gebrandmarkt werden.

Weitere Themen

Die Phantome des Zeichners

Botho Strauß wird 75 : Die Phantome des Zeichners

Was wäre wohl geschehen, wenn er den Nobelpreis bekommen hätte? Zum 75. Geburtstag des Schriftstellers Botho Strauß, der im politischen Spektrum der Gegenwart keinen Platz hat und jetzt zwei neue Bücher herausbringt.

Leia spielt Schlüsselrolle Video-Seite öffnen

„Star Wars IX“ : Leia spielt Schlüsselrolle

Ihre Rolle als Prinzessin Leia in Star Wars hat sie für ihre Fans unsterblich gemacht: Obwohl Schauspielerin Carrie Fisher seit drei Jahren verstorben ist, spielt sie in „Der Aufstieg Skywalkers“ dank moderner CGI-Technik mit.

Topmeldungen

Britische Parlamentswahl : Auf Boris!

Die Tories wollen die Parlamentswahl in alten Labour-Hochburgen gewinnen – vor allem im „Schwarzen Land“ in den West Midlands. Auch weil Parteichef Corbyn so unbeliebt ist, stehen ihre Chancen nicht schlecht.

Zweiter Weltkrieg : Hemingway im Hürtgenwald

Der amerikanische Schriftsteller nahm vor 75 Jahren an der grausamen Schlacht bei Aachen teil. Seine traumatischen Erlebnisse im Hürtgenwald brachte er aber nur in Ansätzen zu Papier.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.