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Elon Musks Starlink-Satelliten : Der zerstörte Himmel

  • -Aktualisiert am

Auf einer Aufnahme des Nachthimmels mit Langzeitbelichtung scheint Starlink den Himmel förmlich zu schraffieren: hier bei einem ehemaligen Heizkraftwerk bei Salgotarjan in Ungarn. Bild: EPA

Elon Musks Starlink-Satelliten sind das größte ästhetische Verbrechen, das vorstellbar ist. Eine Beschimpfung.

          5 Min.

          Ich gebe zu, meine Toleranzschwellen sind eigenartig verteilt. Wenn ich etwa einen empörten Artikel über einen neuartigen implantierbaren Chip lese, denke ich: Hmm, schauen wir doch mal, was der Chip alles kann, vielleicht mag ich einen haben. Aber was den Himmel angeht, bin ich ein strenger, fast mittelalterlich empfindender Purist. Selbst am Tag springt mir jeder Kondensstreifen als außergewöhnliche Dreistigkeit ins Auge. So geometrisch, so schnurgerade. Frechheit! Und ich fotografiere ihn, wie Beweismaterial.

          Dieser Purismus geht sehr weit. Als ich vor Jahren in dem Film „A Beautiful Mind“ die Szene sah, in der der Mathematiker John Nash seiner Verlobten eine bestimmte Form am Sternenhimmel zeigt, nämlich einen Regenschirm, den sein genialer Mustererkennungssinn sofort aus dem normalen Gewimmel der leuchtenden Punkte herausgelesen hat, dachte ich mir: Jeden, der mir so was zeigt, würde ich die Ohren umdrehen. Frechheit. Denn was man einmal sieht, das sieht man immer. Ich schrieb dann sogar eine Erzählung, „Die Katze wohnt im Lalandeschen Himmel“, über einen Maler, der ein beunruhigendes minimalistisches Gesicht im Sternenhimmel gezeigt bekommt, dieses nie wieder vergessen kann und dann auch noch an andere weitergibt, die ebenfalls darüber verzweifeln.

          Am 21. April, gegen 22 Uhr, sah ich am Nachthimmel über Wien die von Elon Musk in einen niedrigen Orbit geschossenen Starlink-Satelliten. Sie kamen zufällig aus jener Richtung, wo an jenem Abend die Venus als leuchtendes Goldkorn schwebte, so dass es aussah, als gebäre der hellste, größte Lichtpunkt eine Reihe von kleineren, simpel und regelmäßig, wie ein altes Tricotronic-Spiel. Einer hinter dem anderen flogen sie, in ziemlich exakt eingehaltenem Abstand zueinander, manche nur ein klein wenig verschoben zu flachen Dreiecksformationen, über den westlichen Himmel, auf das Sternbild Lyra zu. Zwei davon blitzten für mehrere Sekunden erstaunlich hell auf.

          Gewaltige Vermehrung von Weltraumschrott

          Ich stand auf dem laternenlosen Parkplatz neben einem Autohändler in der Nähe meiner Wohnung, weil man dort selbst mitten in der Stadt einen Fleck Dunkelheit ganz für sich hat, und filmte die Starlinks, empört. Ich begann zu zetern. Man installiert nicht einfach so neue Wandelsterne, das geht so nicht. Ich ging auf Twitter randalieren.

          Das kontroverse Satellitenprojekt wurde bereits von vielen Seiten kritisiert, vor allem weil es Astronomen mit hoher Wahrscheinlichkeit die Arbeit erschweren wird. Die Satelliten sind, selbst dann in ihrem endgültigen, angeblich etwas höher gelegenen Orbit, einfach zu hell. Ein zweites Gegenargument ist die gewaltige Vermehrung von Weltraumschrott. Außerdem verwenden bestimmte Tierarten das Licht der Sterne, um sich zu orientieren; sie könnten in ihrer Freiheit und ihrer Vernunft beeinträchtigt werden.

          Regelmäßigkeit hat am Nachthimmel nichts verloren

          Alles wichtige und gültige Einwände. Sie wiegen auch eindeutig schwerer als das, was nun folgt. Aber ich möchte hier trotzdem lang und breit über den ästhetischen und kulturellen Aspekt der ganzen Sache schimpfen. Denn wenn am Ende wirklich 42 000 Satelliten da oben kreisen, wird man auf dem Land oder an einer ähnlich lichtverschmutzungsfreien Stelle der Erde in den Dämmerstunden nicht mehr in den Sternenhimmel hochblicken können, ohne dass es da oben gewaltig würmelt. Es wird aussehen wie unaufhörlich dahinfließende, rechtwinklig zueinander stehende Perlenketten, entweder in tatsächlich vollkommen geraden Bändern oder in weiß Gott was für leicht verschobenen Formationen.

          Der Frevel an der ganzen Sache wäre die Regelmäßigkeit. Denn diese hat am Nachthimmel nichts verloren. Sie ist sein visuelles Gegenteil, eine Art Frevel. Allzu überschaubare Geometrie bietet keinen Anlass zu Trost und Andacht. Die gebräuchlichen Sternbilder sind unregelmäßig, und nur in dieser Eigenschaft luden sie die Menschen zu Deutungen ein. Simple Dinge wie etwa schnurgerade Linien, Reihen äquidistanter Punkte oder Zickzackmuster muss man nicht groß deuten. Sie erinnern niemanden an Helden oder Fabelwesen. Sie gehören nicht in die Sphäre des Mysteriums, sondern höchstens in die der sichtbar gemachten menschlichen Neurologie. Denn euklidische Regelmäßigkeit tritt in der Erfahrungswelt der Menschen natürlicherweise nur da auf, wo unsere Nerven auf Krisen reagieren. Oliver Sacks schreibt in seinem Tagebuch einer Reise nach Mexiko in Begleitung der Amerikanischen Farngesellschaft über regelmäßige Geometrie Folgendes: „Die geometrischen Figuren rund um uns bringen mich dazu, von neurologischen Formkonstanten zu sprechen, etwa die geometrischen Halluzinationen von Bienenwaben, Spinnennetzen, Gittern, Spiralen oder Trichtern, die bei starkem Hunger, sensorischer Deprivation oder Vergiftung und ebenso bei Migräneanfällen auftreten können.“

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