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Claudio Magris im Widerstand : Die Gefahr ist ernst

  • -Aktualisiert am

Claudio Magris in seinem Stammcafe „San Marco“ in Triest Bild: stra

Ein Treffen mit Claudio Magris in Triest. Am Nebentisch sitzt ein junger Mann. Als der Name Salvini fällt, springt er auf und zeigt den faschistischen Gruß.

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          Treffen mit Claudio Magris. Im Caffé San Marco, in Triest. Dort, wo sich nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs revolutionäre Italiener zu konspirativen Sitzungen trafen, so dass die österreichisch-habsburgische Polizei 1915 eine Schließung erzwang und die Inneneinrichtung zerstörte. Heute ist das Jugendstil-Interieur wiederhergestellt und es herrscht eine Atmosphäre wie in einem Wiener Kaffeehaus um die Jahrhundertwende. Es gibt eine Buchhandlung, internationale Zeitungen und an der Wand Porträtzeichnungen von den berühmten Schriftstellern der Stadt: Joyce, Svevo und natürlich Magris. Hinten rechts sitzt der gerade achtzig Jahre alt gewordene Germanist und Romancier und trinkt einen „Spremuta d’arancia“.

          Seit dreiundfünfzig Jahren schreibt er eine Kolumne im „Corriere della Sera“ über die politischen Wandlungen der humanitären Idee genauso wie über eine neue Hölderlin-Ausgabe. Magris ist so etwas wie das intellektuelle Gewissen Italiens. Des linken, liberalen Italiens muss man hinzufügen, von dem im Moment nur wenig die Rede ist. Magris ist aufgewachsen in einer Umgebung des Widerstands – der Vater kämpfte im Untergrund gegen die Nazi-Besetzer, die Haushaltshilfe engagierte sich in der antifaschistischen Bewegung. Als Berlusconi in den neunziger Jahren quasi über Nacht zur stärksten politischen Kraft des Landes wurde, fühlte sich der poetische Gelehrte aus der Adriastadt ebenfalls zur politischen Handlung verpflichtet. Zwei Jahre saß er als einziger Abgeordneter der „Magris-Partei“ im italienischen Parlament. Auf einer Wahlkampfveranstaltung damals, so erinnert er sich, sei ihm einmal angesichts einer pöbelnden Menge der Kragen geplatzt: „Jemand wie Sie hat gar nicht das Recht, zu wählen“, brüllte er vom Rednerpult dem erstbesten Krakeeler ins hasserfüllte Gesicht.

          Ein Satz, der ihm damals Respekt einbrachte, den er aber heute mit gemischten Gefühlen wiederholt. Denn die linksliberale Bereitschaft zur abwertenden Verurteilung ganzer Volksgruppen habe den Populisten das Spiel leicht gemacht, so Magris. Das Genie Berlusconis sei es gewesen, die Wertehierarchie umzukehren: Seine Botschaft an die Italiener lautete: „Ihr müsst nicht so werden wie ich, sondern ich werde wie ihr“ – damit habe er eine Stimmung des anstandslosen „anything goes“-Liberalismus provoziert, in dem plötzlich alles erlaubt schien. Berlusconis Populismus sei aber stets ein fratzenhaftlächerlicher gewesen, sagt Magris, der mit dem jetzigen, ernsthaft-gewalttätigen Populismus eines Matteo Salvini nichts mehr zu tun habe.

          Als Magris den Namen des Innenministers ausspricht, springt am Nebentisch plötzlich ein junger Mann auf, der bislang in ein Schachspiel gegen sich selbst vertieft war. Mit gestrecktem rechtem Arm zeigt er den faschistischen Gruß und ruft „Presidente Salvini!“ Kurz ist Magris von der offensichtlichen Provokation irritiert, dann hebt er langsam den angewinkelten rechten Arm und ballt die Faust zum solidarischen Rotfront-Gruß. Was an diesem Morgen noch als theatrale Position stattfindet, könnte bald wieder zu einer ernsten Situation führen. Italien, Ziel so vieler Sehnsüchte, wird im Moment offenbar selbst von Sehnsucht gequält: nach einem starken Anführer und nach echtem Widerstand.

          Simon Strauß
          Redakteur im Feuilleton.

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