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Auftrag Zwangsräumung : Ökonomie der Angst

Unter den Augen des Gesetzes: Zwangsräumung in Bethlehem, Georgia, im März 2011 Bild: Picture-Alliance

Die Gig Economy vermittelt nicht mehr nur Fahrdienste oder Essenslieferungen, sondern neuerdings in Amerika auch Zwangsräumungen von Wohnungen. Es ist ein doppeltes Geschäft mit der Wehrlosigkeit.

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          „Sei dein eigener Boss! Ein unabhängiger Unternehmer! Entscheide selbst, an welchen Tagen du arbeiten möchtest!“ In der sogenannten gig economy müssen diejenigen, die daran verdienen, denen, die oft nicht anders können, als sich mit Kleinstaufträgen ausbeuten zu lassen, nicht einmal mehr in die Augen schauen, wenn sie ihnen diese dreisten Verkehrungen als ihre Arbeitsbedingungen verkaufen. Glänzende Websites oder Apps geben die Verantwortungslosigkeit und Unzuverlässigkeit der Auftraggeber, welche sich selbst nur als Vermittler verstehen, als Freiheit der Auftragnehmer aus.

          Wer etwa von Uber Fahraufträge empfangen möchte, kann fraglos selbst entscheiden, an welchen Tagen und zu welchen Zeiten er arbeiten will. Dass dann auch Aufträge anfallen, hat ihm allerdings niemand versprochen, und dass er nicht dafür bezahlt wird, sich bereitzuhalten, versteht sich von selbst. Personenbeförderung wird so vermittelt, Essensauslieferung, Arbeit in Haus und Garten, aber auch Text- oder Übersetzungsarbeit. Ein Unternehmen namens Civvl hat in den Vereinigten Staaten nun eine weitere Nische gefunden, die sich mittels gig economy bewirtschaften lässt, einen wahren Wachstumsmarkt.

          Die Arbeitslosigkeit sei auf einem Rekordstand, die Lage der Wirtschaft trostlos, viele Menschen könnten ihre Miete nicht mehr zahlen oder ihre Kredite nicht mehr bedienen, schreibt Civvl in im ganzen Land veröffentlichten Anzeigen. Doch was auf den ersten Blick den Auftragnehmern den Spiegel vorzuhalten scheint, ist tatsächlich als rosige Aussicht auf ein Arbeitsfeld gedacht, in dem Stundenlöhne von bis zu 125 Dollar winken und durchschnittlich sechs Aufträge am Tag bei sofortiger Bezahlung.

          Frustrierte Immobilienbesitzer und Banken wenden sich nach Auskunft des Unternehmens an Civvl. Wer deren Aufträge annimmt, überbringt – im Zweifelsfall nicht minder frustrierten Mietern und verschuldeten Hausbesitzern – Ankündigungen von Zwangsräumungen oder führt diese durch. Zwar habe das staatliche „Center for Disease Control and Prevention“ einen bundesweiten Kündigungsschutz für Mieter verfügt, wie die Netznachrichtenseite „Motherboard“ berichtet, viele Betroffene wüssten allerdings nicht, wie sie ihre Sonderrechte den Vermietern gegenüber geltend machen könnten.

          Was muss es heißen, wenn die Tagelöhner der gig economy sich bei den Zwangsräumungen in ähnlich prekären Lebensumständen wiederfinden wie den eigenen? Wenn sie abermals meinen müssen, in einen Spiegel zu schauen? In seiner „Ökonomie der Aufmerksamkeit“ hat Georg Franck 1998 das Gewissen als „natürliches Organ der Selbstachtung“ bezeichnet. Die neue Ökonomie der Angst zielt auf Organversagen.

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