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Abrechnung von Ai Weiwei : Starke These, schwache Argumente

Der chinesische Künstler Ai Weiwei Bild: dpa

Der chinesische Künstler Ai Weiwei lebt seit vier Jahren in Berlin – und will nun Deutschland verlassen. Seine Begründung verknüpft er mit einer starken These und leider schwachen Argumenten.

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          Der chinesische Künstler Ai Weiwei, der seit vier Jahren in Berlin im Exil lebt, will Deutschland verlassen – und schiebt die Begründung in einem Interview mit der „Welt“ hinterher: Deutschland sei keine offene Gesellschaft, sondern „eine Gesellschaft, die offen sein möchte, aber vor allem sich selbst beschützt. Die deutsche Kultur ist so stark, dass sie nicht wirklich andere Ideen und Argumente akzeptiert. Es gibt kaum Raum für offene Debatten, kaum Respekt für abweichende Stimmen.“

          Eine starke These, über die man durchaus diskutieren könnte. Aber sie klingt aus dem Munde Ai Weiweis eher wie eine Provokation, wie ein Testballon für ein neues Kunstprojekt, eine Art Installation mit Wortgirlanden. Denn was fehlt ist die Substanz seiner Argumente. Auf die Frage nach Beispielen für seine Behauptung antwortet er mit einer belanglosen Anekdote aus dem Taxi: „Dreimal ist es mir passiert, dass ich in ein Taxi stieg und der Fahrer, als er mich sah, einfach nur gesagt hat:‚Raus'.“ In einem Falle, so erzählt er weiter, hatte er sich wegen Parfümgeruchs und der Frage, ob das Fenster geöffnet bleiben darf, mit dem Fahrer in die Haare bekommen. Eher also ein persönlicher Streit, wie es ihn tagtäglich tausendfach gibt.

          Nun kommt hinzu: Berlin ist in der Frage der Diversität sicherlich nicht repräsentativ für Deutschland – die Herkunft spielt in der Stadt, in der fast jeder Dritte einen Migrationshintergrund hat, eine geringere Rolle als in der deutschen Provinz. Deshalb lässt es sich als Ausländer in Deutschlands Hauptstadt besonders gut leben, weil das Herkunftsthema von außen seltener an einen herangetragen wird als in einem Dorf, wo man länger der Exot bleibt, nur weil man aufgrund ausländischer Vorfahren irgendwie diffus „anders“ aussieht – was immer das heißt. Das können Deutsche ohne Migrationshintergrund oft nicht verstehen, wie sehr es viele Migranten nur noch nervt, ständig auf ihre Herkunft reduziert zu werden. Zudem verwundert das Taxibeispiel, weil gerade unter Berliner Taxifahrern viele Migranten anzutreffen sind. Da müsste man mehr über Ai Weiweis Diskriminierungserfahrungen wissen, um sich ein vernünftiges Urteil erlauben zu können.

          Es gibt kein Debattenverbot

          Was will Ai Weiwei also eigentlich sagen? Dass man mit Berliner Taxifahrern streiten kann? Das ist wahrlich keine neue Erkenntnis und keine, die einen weiter beunruhigen muss. Interessanter wären die Argumente gewesen, weshalb sich Deutschland angeblich abschottet gegen „offene Debatten“ oder „abweichende Stimmen“, wie er ausführt. Und weshalb das Land, das zu den reise- und spendenfreudigsten Nationen der Welt gehört, derart „selbstzentriert“ sein soll.

          Jedenfalls gibt es kein Debattenverbot in Deutschland, wo seit Jahren und Jahrzehnten Identitätsdebatten geführt werden, in den vergangenen Jahren sogar besonders ausgeprägt. Dass es dabei Argumente aus fast allen Lagern gibt, die offen und frei bis zur Grenze des Justiziablen ausgefochten werden können, ist nun täglich zu beobachten. Allerdings stimmt es auch, dass selbst jene Menschen, die in Deutschland geboren worden sind, ihr Leben lang – sofern es gutgemeint ist – nach ihrer Herkunft gefragt werden oder sogar – im negativen Fall – wegen eines diffusen „ausländischen Aussehens“ angepöbelt oder angegriffen werden. In letzter Zeit trifft es schlimmerweise Juden mit Kippa oder Muslime mit Kopftuch. Dass Deutschland bei dem Thema im Vergleich zu den klassischen Einwanderungsländern wie den Vereinigten Staaten Nachholbedarf hat, wäre ein gewinnbringend zu diskutierender Punkt gewesen. Das versäumt er leider.

          „Dieses Land braucht mich nicht“, resümiert der Künstler in dem Interview. Das ist falsch. Deutschland braucht jeden, erst recht einen hochangesehenen Künstler wie ihn, der Brücken nach China bauen kann, ohne nur alte Klischees über den bevölkerungsreichsten Staat der Welt zu repetieren. Seine Einlassungen über die Interessen deutscher Unternehmen und die Beziehungen zu China sind deshalb auch substantieller, etwa wenn er darauf hinweist, dass Menschenrechtsthemen in diesen Kontexten zu kurz kommen. Vielleicht ist er sich bewusst gewesen, dass dies überlesen werden würde, wenn er der deutschen Öffentlichkeit in dem Interview keinen Knaller präsentiert. Aber der Knaller ist dann doch eher ein Knallfrosch ohne größere Wirkungen. Weil die Argumente fehlen. Vielleicht, so die Hoffnung, liefert er sie noch nach?

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