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Chinas neue Blüte : Xi Jinpings großer Traum

Der Nationalismus, der Leninismus und die künstliche Intelligenz, die Chinas Politik heute prägen, sind zugleich eingeschrieben in jahrtausendealte Vorstellungsmuster, die ihnen einen eigenen Horizont geben. Für gewöhnlich sagt man, dass Konfuzius in China wieder wichtig werde. Doch womöglich prägt die überlieferte „Geschichte“ noch mehr als ein einzelner Denker. In dieser Geschichte gilt nur, was sich durchsetzt, um die Funktionen des Staats (Steuer, Landesverteidigung, Versorgung) zu vollziehen. Die einzelnen Lehrmeinungen, die es in China gegeben hat, konkurrieren da miteinander und zugleich mit allen möglichen Listen, Intrigen, Methoden der Machtausübung.

Nationalismus, Republikanismus, Kommunismus

Wie sich der moderne Nationalismus und das ebenso vor- wie nachmoderne „Tianxia“-Denken miteinander verwoben, hat seinerseits eine Geschichte. Wang Gungwu hat dargestellt, wie die chinesischen Intellektuellen gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts eine sie erschütternde Entdeckung machten: dass nämlich im Geschichtsbild der europäischen Länder, die seit Jahrzehnten China unter Druck setzten, China nicht im Zentrum, sondern am Rand stand. Seither versuchen sie, auch in dieser alternativen Geschichte in die Mitte zu gelangen. Sie adaptierten nacheinander den Nationalismus, den Republikanismus, den Kommunismus. China integrierte sich zu einem Zeitpunkt in das vom Westen dominierte System der Nationalstaaten, als klar war, dass es selber darin nur eine untergeordnete Rolle spielte. Während es sich durch seinen Machtzuwachs mittlerweile auch in diesem System mehr und mehr auf die Mitte zubewegt, arbeitet in den Intellektuellen gleichzeitig das alte „Tianxia“-Muster weiter. China versteht sich als ein moderner multinationaler Staat, der zugleich aber den Umfang und die Bedeutung dessen, was es immer gewesen sei, wiederherstelle.

Eine ganz praktische Folge dieser Perspektive ist, dass die Volksrepublik von Anfang an Anspruch auf die Gebiete erhob, die zum Kaiserreich der Qing-Dynastie gehörten, ohne dass sie damals nationalstaatlich eingegrenzt sein konnten, zum Beispiel also auf Tibet. Und ebenso leitet China seine Ansprüche auf Taiwan und diverse Inseln im Pazifik daraus ab, über die es Streit mit Nachbarstaaten gibt.

Mittelfristig stellt sich die Frage: Wird die Kombination von beidem – Nationalismus und das Selbstbewusstsein eines potentiell globalen Zivilisationsstaats – besonders explosiv und gefährlich sein, weil ihre Ambitionen tendenziell gar keine Grenzen mehr kennen? So dass der chinesische Einparteienstaat tatsächlich die Nummer eins in einer neuen Weltordnung werden will, in der seine Kriterien von Zensur und autoritärer Herrschaft universelle Geltung haben? Oder sollte man gerade auf die Wiederkehr des alten „Tianxia“-Musters hoffen, das eben nicht nationalistisch ist, sondern alle Länder in einen bei durchaus unterschiedlichen Interessen miteinander verbundenen Zusammenhang einbettet? Ist die Verheißung der Partei, dass der Traum Chinas und der Traum der Welt demnächst verschmelzen werden, also eher eine Beruhigung oder eine Drohung?

Ein erster Prüfstein könnte die Zukunft des Investitions- und Infrastrukturprojekts der Neuen Seidenstraßen sein. China schließt dort eine Vielzahl von bilateralen Abkommen mit asiatischen, europäischen und afrikanischen Staaten, behält sich die Planung des großen Ganzen, in die diese einzelnen Kooperationen eingebettet sein werden, aber für sich selbst vor. Wird das chinesische Konzept von „Geschichte“ in der Lage sein, ein Außerhalb seiner selbst auf Dauer anzuerkennen?

Dieser Text ist Teil des Kompendiums „Supermacht China –Beherrscht Peking bald die Welt?“. Mehr Informationen zur gleichnamigen Veranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung finden Sie hier.

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