https://www.faz.net/-gqz-96igt

Chinas neue Blüte : Xi Jinpings großer Traum

So konnte überhaupt ein Roman aus dem vierzehnten Jahrhundert wie die „Drei Reiche“, der Vorgänge aus dem ausgehenden dritten Jahrhundert schildert, so populär werden, dass bis heute jedes Kind seine Anekdoten und Charaktere kennt – und das, obwohl auch innerhalb des Romans sich die Zeitebenen durchdringen und laufend von irgendwelchen warnenden oder vorbildlichen Beispielen ein- oder zweitausend Jahre früher die Rede ist. Der jetzige Parteichef Xi Jinping soll das Buch, als er während der Kulturrevolution aufs Land verschickt worden war, seinen Genossen nacherzählt haben, und als Staatsmann empfiehlt er, wie vor ihm schon Mao und Deng, dringend seine Lektüre: Seine Figuren verkörperten die wichtigsten Werte des chinesischen Volks wie Loyalität, Demut und Entschlossenheit.

Was ist gemeint mit dem „China“, an dessen Blüte das Land wieder anschließen will? Shanghai an einem diesigen Tag.

„Von welchem anderen Land in der Welt“, schreibt der Historiker Wang Gungwu, „kann gesagt werden, dass Schriften über seine auswärtigen Beziehungen von vor zweitausend Jahren oder auch nur tausend Jahren heute derart bezwingend lebendig wirken?“ Die Evidenz dieser Gegenwärtigkeit wirkt schon durch die Schriftzeichen, in die viele zu Sprichwörtern geronnene Ereignisse der überlieferten Geschichte eingegangen sind. Allein die ideographischen Symbole, bemerkte der Philosoph Tu Wei-ming, verschafften zum Beispiel den Texten von Sima Qian, dem Historiographen der Han-Dynastie, „eine Empfindung von Realität, als ob ihre Gegenwärtigkeit für immer in den Text eingeschrieben wäre“.

„Es wird Probleme geben“

Ein plastisches Beispiel dafür führte der Historiker Paul A. Cohen in seinem Buch „Speaking to History: The Story of King Goujian in Twentieth Century China“ vor. Eine von Sima Qian überlieferte Geschichte erzählt von König Goujian im fünften Jahrhundert vor Christus, dass er nach seiner Niederlage gegen einen benachbarten König im Exil jahrelang seine Rachegefühle genährt habe, indem er „auf Reisig schlief und täglich Galle kostete“. Diese Formulierung wurde in der späten Qing-Dynastie im neunzehnten Jahrhundert, als patriotische Kreise zum Gegenschlag gegen die demütigenden europäischen Mächte aufriefen, zur stehenden Redewendung – und zugleich zu einem Beispiel codierten Sprechens, das von jedem verstanden wird, der in der chinesischen Welt sozialisiert ist, aber nicht außerhalb.

1959 nahm auch Mao bei einem Spaziergang am Westsee von Hangzhou auf die Redewendung Bezug, als er prophezeite, dem revolutionären China drohe nicht durch seine Armut, sondern durch seinen künftigen Wohlstand die größte Gefahr. „König Goujian schlief auf Reisig und kostete Galle. China ist jetzt nicht reich, aber wenn es das in der Zukunft wird, wenn jeder ohne Bedenken Fleisch essen kann, dann wird es Probleme geben, da könnt ihr sicher sein.“

Auf dieses Zitat wies der australische Sinologe Geremie Barmé zur Untermauerung seines Plädoyers für eine „Neue Sinologie“ hin. Um das gegenwärtige China und seine Politik zu analysieren, brauche es nicht nur politikwissenschaftliche Kompetenz, sondern auch die Kenntnis der alten Geschichte und Sprache Chinas; nur so seien die im aktuellen chinesischen Diskurs verwendeten Begriffe und Vorstellungen mit all ihren Anspielungen und historischen Assoziationen zu verstehen.

Weitere Themen

Topmeldungen

„Sie wollte nicht in einem Staat leben, den zu lieben ihr plötzlich wieder aufgetragen wurde. Der Bundeskanzlerbub verlangte das“, schreibt Marlene Streeruwitz.

Chronik der Regierung Kurz : Was der Kanzlerbub wollte

In ihrem Roman „Flammenwand“ verquickt Marlene Streeruwitz österreichische Politik und das Liebesleid ihrer Protagonistin Adele. Das Buch ist zugleich Chronik der türkis-blauen Regierung unter Sebastian Kurz.
Mahar will keinen Bruch mit seiner Familie, aber er hat sich entschlossen, zu seiner Frau zu stehen.

Zwischen den Welten : Die Freundin, die keiner kannte

Mit Mitte zwanzig war er noch Single. Zumindest glaubte das seine Familie. In Wirklichkeit hatte er eine Freundin, eine Deutsche, eine Andersgläubige. Und da lag das Problem.

Transfercoup nach Saisonstart : Coutinho lenkt von Bayerns Defiziten ab

Die Münchner versuchen, sich das 2:2 gegen Hertha zum Saisonstart der Bundesliga schönzureden. Da hilft es, dass nach dem Spiel zwei Transfers bekannt werden. Einer davon ist spektakulär.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.